Danzig, 22. Januar 2017: In einem Restaurant an der Motława hebt Paweł Machcewicz sein Wodkaglas. "Auf die Freunde des Museums!", ruft der Direktor, umringt von Mitgliedern aus dem Beirat – Historikern aus Israel, Frankreich, Deutschland und den USA, die extra angereist sind. Am nächsten Tag wird der 51-Jährige in einer hastig vorgezogenen Präsentation erstmals einem größeren Publikum das Ergebnis seiner Arbeit zeigen: das Danziger Museum des Zweiten Weltkriegs.

Acht Jahre lang haben Paweł Machcewicz und sein 60-köpfiges Team auf diesen Moment hingearbeitet. Machcewicz hat sich geradezu aufgerieben, pendelte jahrelang zwischen Warschau, wo seine Familie lebt, und Danzig. Gut 100 Millionen Euro haben Bau und Ausstellung gekostet. Man rechnet mit bis zu 400.000 Besuchern im Jahr – aus Polen, aus Europa, aus der ganzen Welt. Es ist Machcewicz’ Lebenswerk.

Wenige Tage später werden acht Mitarbeiter des Kulturministeriums in einer Art feindlichen Übernahme sein Büro durchforsten. Die von der neuen nationalistischen Regierung gelenkten öffentlich-rechtlichen Medien werden ihn diffamieren. Er wird sich von seinen Mitarbeitern verabschieden und seinen Schreibtisch räumen. Bis ein Anruf abermals alles auf den Kopf stellt.

Machcewicz’ Geschichte und die seines Museums handeln von den Versuchen der polnischen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS), auch über die Vergangenheit zu herrschen – und vom Widerstand gegen das Verdrehen der Wahrheit im Namen der Nation. Aber der Reihe nach.

"Wir haben keine Zeit", sagt Paweł Machcewicz am 22. Januar, "wir wollen so vielen Menschen wie möglich noch schnell das Museum in seiner jetzigen Form zeigen." Er weiß: In einer Woche wird er womöglich entlassen, und seine Arbeit könnte Geschichte sein.

Am nächsten Morgen streben Hunderte Menschen, darunter betagte Zeitzeugen, die Erinnerungsstücke gespendet haben, zum Museum, einem eindrucksvollen, 40 Meter hohen schrägen Turm, der sich aus der Erde heraus dem Himmel entgegenstreckt. Der US-Architekt Daniel Libeskind stand der Jury vor, die sich für den Entwurf des Architekturbüros Kwadrat aus Gdynia entschied. Der fast fertige skulpturale Bau steht in direkter Nachbarschaft zum alten Postamt, einem der ersten Kampfplätze während des deutschen Überfalls auf Polen am 1. September 1939.

Über provisorische Sperrholztreppen erreichen die Gäste die 14 Meter unter der Erde gelegenen Ausstellungsräume. Die Kraft der architektonischen Symbolik ist körperlich spürbar: Es entsteht förmlich ein Sog hinab in die Vergangenheit. Der als Amphitheater angelegte Konferenzraum, in dem Direktor Machcewicz seine Gäste begrüßen wird, vermittelt einem das Gefühl, in einen elegant gepolsterten Luftschutzkeller geraten zu sein.

Wer heute in Polen über den Zweiten Weltkrieg sprechen will, soll bitte schön die militärischen Heldentaten der polnischen Nation beschwören. So lautet die Ansage aus Warschau. Dort tüftelt die Regierung zurzeit an einer monumentalen patriotischen Pilgerstätte, die drei Museen in einem historischen Park vereinen soll. Das Danziger Museum hingegen betreibt keinen Heldenkult. Es rückt die Leiden der Bevölkerung in den Mittelpunkt – noch dazu in transnationaler Perspektive.

Jarosław Kaczyński, der zwar nur als Parteichef und Abgeordneter legitimiert ist, tatsächlich aber wie ein Autokrat regiert, ist das Weltkriegs-Museum nicht nur deshalb ein Dorn im Auge. Es gilt auch als Prestigeprojekt seines Rivalen, des ehemaligen Ministerpräsidenten und amtierenden EU-Ratspräsidenten Donald Tusk (der zudem aus Danzig stammt). Im Frühjahr 2016 ließ Kaczyński deshalb Kulturminister Piotr Gliński auf das Museum los.

Umgehend kündigte Gliński an, er wolle es zum 1. Februar 2017, also noch vor der Eröffnung, übernehmen und wohl für längere Zeit geschlossen halten. Wenig später liefen dagegen drei Klagen. Eingereicht haben sie der Danziger Bürgermeister, der nationale parlamentarische Beauftragte für die Bürgerrechte sowie Machcewicz selbst – in der Hoffnung, das Gericht werde den juristischen Trick, den Kulturminister Gliński anwandte, für unzulässig erklären.

Dieser Trick besteht in der geplanten Zwangsvereinigung des Weltkriegs-Museums mit dem "Museum Westerplatte", einer fiktiven, eigens zu diesem Zweck gegründeten und nur auf dem Papier existierenden Institution, benannt nach dem Ort, an dem der Zweite Weltkrieg begann. Durch die Vereinigung würde eine neue Einrichtung geschaffen, deren Direktor der Minister eigenmächtig und ohne Rücksicht auf laufende Verträge bestimmen könnte. Dass Machcewicz die Vorab-Eröffnung im Januar so eilig anberaumte und die internationale Presse einlud, um Druck aufzubauen, ist Teil seines Widerstands.