Was hat das Kreuz, das Symbol des leidenden Erlösers, der von einem signifikanten Teil der Bevölkerung als solcher nicht anerkannt wird, im Gerichtssaal zu suchen, wo doch recht irdische Dinge verhandelt werden? Und hat der Staat das Recht, einer Muslimin den Lebenstraum, Polizistin zu werden, zu zerstören, weil er ihre Kopfbedeckung nicht akzeptiert? Nahezu täglich wird solches schlagzeilenhaft diskutiert, Bruchstücke aus dem ungelösten Fragenkomplex nach dem Verhältnis zwischen Staat und Religion.

Historisch gesehen liegt das Problem im Mittelpunkt einer Kampfzone. Extreme Lösungen waren nicht selten – auf der diskursiven Ebene stellte Thomas von Aquin den Papst über den König, während etwa Thomas Hobbes in seinem Leviathan forderte, dass der Staat über die Religionszugehörigkeit seiner Bürger bestimmen dürfe. Obwohl die grundsätzlichen Regelungen in den westlich orientierten Gesellschaften meist auf dem Ergebnis der Auseinandersetzung zwischen Aufklärung und christlichen Kirchen basieren, ist das Lösungsspektrum recht weit: Es reicht von der rigiden Trennung von Kirche und Staat in Frankreich bis zum direkten Einfluss religiöser Regeln auf das Leben der Menschen in Polen oder Irland. Eine Faustformel hat sich etabliert: Je stärker die Aufklärung als historische Bewegung war, desto stärker ist die selbstverständliche Laizität des Staates.

Die Antagonisten, die sich in der Kampfzone tummeln, lassen sich nicht präzise bestimmen. In aller Regel bieten mehrere Religionen auf einem staatlichen Territorium nebeneinander ihr Glaubensmodell an. Lessings weiser Nathan gebar in einer Zeit des kirchlich gestützten Antisemitismus die aufgeklärte Fantasie, ein gemeinsames Substrat der abrahamitischen Religionen würde zu Toleranz verpflichten. Die Idee ist gut, doch der Furor konkurrierender Fundamentalismen, welche die bloße Existenz des anderen als Zumutung empfindet, gibt ihr einen papiernen Charakter.

Steht der neutrale Staat über den Religionen und ihren Ansprüchen? Als Ordnungsprinzip hat er in der Regel ein Monopol und auch eine höhere Akzeptanz als die institutionalisierten Formen des metaphysischen Bedürfnisses. Ist das Gemeinwesen demokratisch organisiert, so ist dessen Legitimität größer als die einer einzelnen Religion. Auch ist es rechenschaftspflichtig: als demokratischer Staat gegenüber den Wählern, als Mitglied der Völkergemeinschaft vor der internationalen Gerichtsbarkeit und letztlich auch vor der Öffentlichkeit und der Geschichte. Religionen hingegen haben sich ein Narrativ mit eigenen Verantwortungsregeln geschaffen. Der Staat scheint also die besseren Karten in diesem Spiel zu haben, doch die emotionale Stärke, die eine gelebte Religion dem Individuum verleiht, darf man nicht unterschätzen. Und vor allem: Dass man dem Kaiser geben möge, was des Kaisers, und Gott, was Gottes sei, ist ein schöner Satz – aber die Definition dessen, was nun wessen Sache sei, überlässt er den beiden Parteien.

Die Fixierung des Verhältnisses zwischen dem Regelsystem Staat und dem der spirituellen Gemeinschaften gehört immer noch zur Identität eines Landes – auf den Ebenen politischer und kultureller Hegemonialansprüche sowie des Symbolrepertoires. Anerkannte Religionsgemeinschaften sind gleichzeitig politische Player, das gilt auch für Newcomer, und wenn sie die Regeln des Spiels begriffen haben, dann suchen sie sich schnell einen etablierten Partner – etwa eine politische Partei. Salman Rushdie, mit dessen Fall das Problem eine neue Dimension gewonnen hatte, beklagt in seiner Autobiografie, dass jene Tausenden von englischen Muslimen, die über Jahre in unzähligen Demonstrationen den Tod des "Abtrünnigen" forderten, einen festen Rückhalt in der Labour Party hatten.

Was dieses Land betrifft, hat die österreichische Identität bekanntlich viele Schwachstellen. Der Kulturhistoriker Friedrich Heer führte einen Teil dieser Probleme auf die nicht erst seit der blutigen Gegenreformation bestehende Symbiose zwischen der politischen Macht und der katholischen Kirche zurück. Tempi passati – doch eine akzeptierte und konsequente Abgrenzung gab es nie. Politische Entscheidungen suchten vielmehr in der vorgegebenen Situation den Ausgleich zwischen konkurrierenden Interessen herzustellen – lauter verschwommene Lösungen, die angesichts der österreichischen Geschichte nicht untypisch sind.