Revolution! Ein großes Wort. Es hat seine Anziehungskraft nicht verloren, gehört zu den meistbenutzten politischen Begriffen. Dieser Tage geht sogar die Rede, der Trumpismus sei revolutionär. Eine erstaunliche Ausweitung des Revolutionsbegriffes, nur dadurch zu erklären, dass Journalisten eine kraftvolle Vokabel für ein noch unverstandenes Phänomen suchen. Aber diese Verwendung des Begriffs führt in die Irre. Denn was beispielsweise wären dann die pussy hats: Symbole einer Konterrevolution?

Schon der Faschismus wurde revolutionär genannt, und bis heute bezeichnen Rechtsradikale sich so. Zu Unrecht. Bereits im Jahr 1939 hat der Publizist Sebastian Haffner das Nötige dazu gesagt: "Barrikaden sind vielleicht etwas Veraltetes, aber irgendeine Form von Spontaneität, Erhebung, Einsatz und Aufstand scheint doch wohl essentiell zu einer echten Revolution zu gehören. Der März 1933 enthielt nichts davon. Sein Geschehen war aus den seltsamsten Elementen zusammengebraut, aber das einzige, was völlig darin fehlte, war irgendeine Tat des Muts, der Tapferkeit und Hochherzigkeit von irgendeiner Seite."

Nein, wenn Wörter einen Sinn behalten sollen, darf man sie nicht allzu sehr dehnen. Was aber könnte der Begriff der Revolution stattdessen beschreiben – und ist er überhaupt noch aktuell?

Revolutionen sind körperliche Ereignisse

Revolutionen sind zunächst einmal körperliche Ereignisse. Menschenmassen ziehen durch die Straßen, füllen Plätze, stürmen Gebäude, stürzen Machthaber, machen Geschichte. Das ist noch keine Definition, sondern eine Beschreibung, die aber auf einen Wesenszug hinweist: In Revolutionen bewegen sich nicht nur die Gedanken, sondern auch die Körper. "Strukturen gehen nicht auf die Straße", lautete ein geflügeltes Wort der Rebellen im Pariser Mai 1968.

Der Körper wird bewegt durch den Willen, und der existiert nicht ohne die Emotion. Namentlich die anstürmende Revolution ist ein Gefühlserlebnis, ihr Scheitern ist es allerdings auch. Wie im Arabischen Frühling. Stets folgt Depression auf Euphorie, Katzenjammer auf Enthusiasmus. Diese zwei Gefühlslagen gehören historisch zusammen. Sie haben indes eine unterschiedliche Zeitstruktur. Begeisterung ist ein kurzlebigeres und intensiveres Gefühl als Enttäuschung. Begeisterung mobilisiert, Enttäuschung lähmt.

Allerdings hinterlässt die Phase der Begeisterung eine dauerhafte Spur. Romane, Gedichte, Lieder, Bilder, Theaterstücke und Filme geben die revolutionären Gefühlserlebnisse über Generationen weiter, mehr noch, diese Aufwallungen werden in der Erinnerung wiederholt, nachempfunden, aktualisiert. Das ist möglich, weil sie die Form einer Wahrheit sind. Eine Revolution ist, wie es der französische Philosoph Alain Badiou ausdrückt, ein Ereignis, mit dem sich eine übergeschichtliche Wahrheit enthüllt: "Sklaverei ist nicht natürlich", so laute sie, und das Subjekt dieser Wahrheit trage den Namen Spartacus, "es schreitet von Welt zu Welt und über die Jahrhunderte hinweg, als antiker Spartacus, schwarzer Spartacus, roter Spartacus".

Das ist eine platonisch-poetische Art, den Wahrheitscharakter von Revolutionen auszudrücken. Allerdings tragen diese auch Unwahrheitscharakter, eben weil sie niemals den Traum vom freien, guten Leben verwirklichen, sondern noch jedes Mal Leute an die Macht und zu Reichtum bringen, die sich dieses Traums bloß bedienen.

So schön der Befreiungsakt, so schrecklich seine Gewalt. Revolutionäre Massen können im Nu zu Täterkollektiven werden, gemeinschaftlich zu Handlungen fähig, die ein Einzelner niemals verüben würde. Die Anwesenheit der anderen Wütenden senkt den Rechtfertigungsaufwand für Gewalttaten. Man höre genau hin, wenn Revolutionslieder geschmettert werden – bis heute übrigens. Etwa das Lob der Lynchjustiz: "Die Aristokraten an die Laterne!", heißt es im Sansculottenchanson Ça ira. Oder der von Hanns Eisler vertonte Rote Wedding, den der Dichter Erich Weinert mit folgendem Text versah: "Hier wird nicht gemeckert, hier gibt es Dampf / denn unsre Parole heißt Klassenkampf / nach blutiger Melodie!"