Auf den ersten Blick ist es nur der nächste logische Schritt der Digitalisierung: Der deutsche Autobauer Daimler und der amerikanische Mobilitäts- und Taxidienst Uber wollen künftig beim Betrieb von selbstfahrenden Autos kooperieren. In einigen Jahren könnten dann bei Uber georderte fahrerlose Taxis Reisende durch die Gegend fahren, wenn es nach Daimler geht, bevorzugt im Mercedes. Eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichneten die beiden Unternehmen kürzlich. "Als Erfinder des Automobils wollen wir auch beim autonomen Fahren ganz vorn dabei sein – einem der faszinierendsten Aspekte bei der Neuerfindung der Mobilität", sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche. Doch für den Fahrgast geht es um viel mehr.

Bekenntnisse wie jüngst von Daimler belegen, dass sich das Autofahren in Zukunft von Grund auf ändern wird. Millionen Pendler stehen vielleicht auch in zehn Jahren im Stau. Doch während der Autopilot das Fahrzeug im Schritttempo bewegt, öffnet sich auf der Windschutzscheibe ihr persönlicher Newsfeed: Aktienkurse poppen auf, Nachrichten, Live-Videos, Neuigkeiten von Freunden und Verwandten.

In den Entwicklungslaboren der Automobilhersteller tüfteln Ingenieure an diesen sogenannten Augmented-Reality-Lösungen, bei denen die Windschutzscheibe zum Bildschirm wird. Schon seit einiger Zeit bieten etliche Autohersteller in ihren Modellen sogenannte Head-up-Displays an, hierbei werden zentrale Daten wie etwa die Geschwindigkeit und Navigationspfeile auf die Frontscheibe projiziert. Die erweiterte Realität legt sich wie eine Hintergrundfolie über die physische Realität, Grafik und Umgebung verschmelzen miteinander. Die Idee: Wenn sich der Fahrer im selbstfahrenden Auto nicht mehr auf die Straße konzentrieren muss, kann er sich während der Fahrt anderen Dingen widmen – etwa Filme oder Nachrichten schauen. Laut der Unternehmensberatung McKinsey verbringen täglich mehr als 1,2 Milliarden Menschen durchschnittlich 50 Minuten im Auto. Die Internetanalystin Mary Meeker sagte kürzlich: "Die Pendelzeit entspricht etwa der Zeit, die sich Leute mit Facebook oder Spotify beschäftigen." Das eröffnet neue Möglichkeiten für die Unterhaltungs- und Werbeindustrie. Nicht das Auto an sich ist dann das Statussymbol, sondern das, was das Auto sonst noch bietet. Entweder ist es Teil eines Netzwerks (Uber), das die schnelle Verfügbarkeit von Autos garantiert. Oder die Software im Auto reizt zum Kauf.

Wenn voll automatisierte Autos Pendler in die Städte bringen und Taxidienste wie Uber den Innenstadtverkehr organisieren, dann können die Mitfahrer ihre Zeit anders verbringen. Mit Telefonkonferenzen, Musikhören – oder sie shoppen Weihnachtsgeschenke. Der Gründer des chinesischen Internetkaufhauses Alibaba, Jack Ma, prophezeit: "Die Nutzung eines Autos hat künftig zu 80 Prozent nichts mehr mit Transport zu tun."

Das ist kein größenwahnsinniges Geschwätz, sondern eine ernste Herausforderung, auf die die Hersteller längst reagieren. Ford hat bereits ein Patent für ein Entertainment-System angemeldet, bei dem die Windschutzscheibe zur Bildschirmleinwand wird. Die Vordersitze können um 145 Grad gedreht werden, sodass der Blick auf die Leinwand nicht von der Rücksitzbank verstellt ist. Während des Fahrens können dann Blockbuster und TV-Serien abgespielt werden. LeTV, die chinesische Version von Netflix, entwickelt derzeit ein futuristisch anmutendes Elektroauto mit einem riesigen Bildschirm. Das Fahrzeug soll zum Kino auf Rädern werden und 2018 auf den Markt kommen. Dass ein Streaming-Dienst ins Automobilgeschäft einsteigt, zeugt weniger vom Interesse an Mobilität als vielmehr von der Einsicht, dass Autos ein Vehikel für Unterhaltungsmedien sind.

Auch bei Volkswagen ist diese Erkenntnis gereift. Konzernchef Matthias Müller hat seinen Digitalchef Johann Jungwirth, der einst von Mercedes zu Apple ging, aus Kalifornien nach Deutschland geholt. Jungwirth sagt: "Augmented Reality bietet für die Fahrzeuge unserer Marken riesige Potenziale." Noch findet Augmented Reality über Head-up-Displays auf der Windschutzscheibe statt und ist vor allem auf den Fahrer zentriert. "Der Inhalt reicht – abhängig von der Displaygröße und der Intelligenz der Systeme – von ortsbasierten Diensten wie Tankstellen, Sehenswürdigkeiten oder Rastplätzen über Routendarstellung bis zu reichhaltigen Assistenz- und Warnfunktionen", so Jungwirth. Ist die Automatisierung irgendwann so weit fortgeschritten, dass weder Lenkrad noch Gas- oder Bremspedal im Auto sind, werden weitere Entwicklungsschritte von Augmented Reality über alle Fensterscheiben möglich: etwa ein Fahrzeug mit Rundumsicht und Glasdisplayfläche.