Nach dem Jahrgangstreffen trinken meine Schulfreundin und ich am Alexanderplatz Kaffee.

Ich: Die Jungs aus der Parallelklasse haben wieder nur zusammengehockt.

Dagmar: Die sind alle verheiratet und Rentner. Die sind nicht unternehmungslustig. Einer hat erzählt, dass ihm mal jemand einen Flaschenpfand-Bon in die Hand gedrückt hat. So fertig muss der ausgesehen haben!

Ich: Das waren doch mal hübsche Jungs!

Dagmar: Aber heute wären sie mir zu alt.

Ich: Die Mädchen sitzen auch bei ihren Freundinnen von damals. Schon sonderbar, wie lange Sympathien und Desinteresse nachwirken.

Dagmar: "Die muntersten Mädchen von damals sind heute ohne Mann." Hast du in einer Kolumne über ein Klassentreffen geschrieben.

Ich: Sieht man ja an uns.

Dagmar: Man muss immer auf sich achten.

Ich: Dienstags nach der Schule haben wir damals im Friseursalon von deinem Opa Frisuren ausprobiert – Hanne, Karin, du und ich.

Dagmar: "Die Gänse kommen!", hat Opa gesagt.

Ich: Wir waren zusammen in wichtigen Jahren.

Dagmar: Am Sonnabend hatten wir noch Unterricht, am Abend tanzten wir im Kreiskulturhaus Gartenstraße.

Ich: Mitternacht war Schluss – nach der "langsamen Runde", Engtanz. Wir haben immer gehofft, dass uns bestimmte Jungs auffordern.

Dagmar: Im Herbst war Ernteeinsatz, im Sommer sind wir an die Ostsee gefahren, nach Koserow. Und wenn wir ins Wasser gingen, hast du gerufen: "Schmeißt euch in die Wellen, dann wächst der Busen!"

Ich: Ich weiß noch, dass wir die Küsse mit verschiedenen Jungs gezählt haben. Hanne kam kurz vor dem Abi in die Klasse rein und rief: "Fünfzig!" Wir klatschten. Rekord.

Dagmar: Das glaubt heute kein Mensch.

Ich: Dass wir so locker waren im Osten?

Dagmar: Weiter sind wir aber nicht gegangen.

Ich: Ich habe im Kopf ein Bild von dir. Ich sehe eine stille Beobachterin. Eine, die mehr dachte, als sie sagte.

Dagmar: Mir flog nichts zu, ich habe mich in der Mitte gehalten. Statt Hausaufgaben zu machen, habe ich mich oft fürs Tanzen entschieden. Du warst mit deinen Leistungen vorneweg. Zuerst fand ich dich zu laut, aber du hast immer gesagt, was du denkst. Ich wollte mit dir befreundet sein.

Ich: Wir haben uns nie aus den Augen verloren, Daggi. Ich glaube, dass wir in der Schule viel gelernt haben, dass strenge Lehrer gut sind.

Dagmar: Wir haben eine gute Allgemeinbildung. Das merke ich bis heute.

Ich: Aber über allem schwebten Floskeln: Diktatur der Arbeiterklasse. Die kalten Krieger von Rhein und Ruhr. Antifaschistischer Schutzwall.

Dagmar: Nahmen wir das ernst? Fast alle sind doch mit Westfernsehen, Westradio erwachsen geworden. Wir haben Sendungen auf Band aufgenommen und zu den Beatles getanzt.

Ich: Und zu Elvis! Aber der Mauerbau war ein Einschlag.

Dagmar: Weil man dachte, er wäre endgültig.

Ich: Ich wollte 1961 am ersten Schultag nach den Sommerferien ein Mädchen aus der Parallelklasse abholen. Ich stand im Hof und pfiff, bis Leute ans Fenster kamen: "Die sind abgehauen!" Ich träumte viele Jahre, dass in der Chausseestraße ein Loch war. Man konnte auf den Bahnsteig der U-Bahn rutschen und nach zwei Stationen im Westen sein.

Dagmar: Die Mauer hat etwas unerreichbar gemacht, was nur um die Ecke lag. In Berlin spürte man das geradezu körperlich. Aber ich hatte in meinem Leben trotzdem viel Freude. Du doch auch. Du schreibst.

Ich: Und du hast dein Ehrenamt im Altersheim. Das ist doch fast eine Berufung.

Dagmar: Ich liebe alte Leute, und die lieben mich.

Ich: Was ist aus diesem sympathischen Herrn geworden, der immer seine Mutter besuchte?

Dagmar: Die Mutter ist gestorben, dann kam er nicht mehr. Ich habe aber schöne Aufgaben: Zeitung machen in zwei Pflegeheimen, Kurse für Gedächtnistraining und Entspannung. Ich tanze auch mit den Alten.

Ich: Und wenn die im Rollstuhl sitzen?

Dagmar: Dann tanze ich mit dem Rollstuhl.