Ganzheitlich. Der Schulleiter hat seinen Besucher gerade begrüßt, da fällt das Wort zum ersten Mal. "Ganzheitlich" sei die Bildung an der Frontier Primary School, betont der Rektor: "Schule besteht doch nicht nur aus Mathematik, Naturwissenschaften und Englisch."

Auch an der Universität dauert es gerade einmal 15 Minuten, bis die Professorin das Wort platziert: ganzheitlich ("holistic"). Der Direktor der Lehrerakademie schafft es in sieben. Und was machte der Bildungsminister nach dem spektakulären Pisa-Erfolg seines Landes im Dezember? Er schwärmte von "Kletterwänden" und "Kreativwerkstätten" in den Schulen.

Dabei gilt Singapur doch als die Strebernation der Welt. Ob Naturwissenschaften, Mathematik oder Lesen: Zum ersten Mal schnitten Singapurs Schüler in allen drei Disziplinen des internationalen Leistungsvergleiches am besten ab. Selbst zu Finnland, dem europäischen Klassenprimus, hält Singapur in Mathematik einen Vorsprung von mehr als fünfzig Pisa-Punkten. Das entspricht umgerechnet ungefähr zwei Lernjahren. Griffig formuliert: Im Vergleich zu den Singapurern sind wir Europäer alle bestenfalls Realschüler.

Wie schafft es ein Land, dessen Einwohner noch vor fünfzig Jahren mehrheitlich Analphabeten waren, seine Bevölkerung auf ein solches Bildungsniveau zu heben? Was können unsere Schulen von den Asiaten lernen? Und – ganzheitlich, ganzheitlich, ganzheitlich – warum reden ausgerechnet die Verantwortlichen in Singapur seit einiger Zeit bloß alle so, als wollten sie sich bei einer Waldorfschule bewerben?

Ein Besuch vor Ort, in Klassenzimmern, Universitäten und Ministerien. Da trifft, wer dem singapurischen Bildungswunder auf die Spur kommen will, auf ein System, das alle Klischees über die asiatischen Paukkulturen bestätigt – und das gleichzeitig immer wieder überrascht. Wo Schüler zwar stundenlang Mathe üben, aber dabei viel reden und wenig rechnen. Wo Lehrer in einem Korsett ständiger Beobachtung stecken und sich dennoch mehr entfalten können als jeder ihrer deutschen Kollegen.

7.45 Uhr, die Schüler nehmen Aufstellung zum Fahnenappell. In schnurgeraden Reihen ordnen sich die Schulklassen auf dem Pausenhof und stimmen die Nationalhymne an. Exakt beim letzten Ton erreicht die Fahne Singapurs den obersten Punkt. Dann legen die 1.200 Jungen und Mädchen ihre rechte Faust aufs Herz und sprechen gemeinsam den Nationaleid: "Wir, die Bürger Singapurs, geloben ..."

Die Frontier Primary School liegt in einem Neubaugebiet im Westen der Stadt, kurz vor der Grenze zu Malaysia. In Singapur gibt es Eliteschmieden und "Nachbarschaftsschulen" wie die Frontier-Grundschule. Ihre Schüler stammen aus den Wohntürmen, die das Schulgelände wie Wächter umstellen. Jeder zweite von ihnen spricht zu Hause nicht Englisch wie in der Schule, sondern Mandarin, Malaysisch oder Tamil.

In deutschen Grundschulen heißen die Klassen statt a, b, c, d oft "Schmetterlinge" oder "Pusteblumen". An der Frontier-Grundschule sind sie nach den Werten der Schule benannt: Respekt, Dankbarkeit, Mitgefühl. In der "Respect 6" beginnt der Unterricht am heutigen Tag mit Mathematik.

38 Mädchen und Jungen sitzen an Zweiertischen, den Blick auf ihren Lehrer Vincent Yew gerichtet. Über den Köpfen drehen sich Ventilatoren, die Tür steht offen. Mathematik ist hier wie überall in Asien die Königsdisziplin. Wer gut ist, wird hoch geschätzt – von Eltern und Lehrern, aber auch von den Mitschülern. Niemand käme in Singapur auf die Idee, mit seinen Mathe-Mängeln zu kokettieren. 35 Prozent der Singapurer lösen im Pisa-Test die Aufgaben des kompliziertesten Typs, in Deutschland schaffen das nur 13 Prozent.