Rektor Koh führt den Gast in sein modernstes Klassenzimmer. Bildschirme hängen an den Wänden, Mikrofone von der Decke. Koh verlässt den Raum, kurze Zeit später ertönt seine Stimme: "Sie sehen mich jetzt nicht. Ich Sie aber." Koh steht im Nebenraum und blickt durch ein Einwegspiegel.

In diesem "Teaching Lab" beobachten die Lehrer der Frontier-Schule sich gegenseitig bei der Arbeit. Während einer von ihnen unterrichtet, stehen die Kollegen hinter der Scheibe und machen sich Notizen. Später werten sie die Stunde gemeinsam aus. Zweimal im Jahr ist jeder Lehrer gehalten, das Lehrlabor zu nutzen. Viele tun es häufiger. Oft probieren sie aus, ob gemeinsam vorbereitete Unterrichtssequenzen bei den Schülern ankommen.

Aber auch an Schulen ohne Teaching Lab ist Kooperation Pädagogenpflicht. Das System lässt keinen Lehrer allein – und keinen in Ruhe. Vom Anfänger bis zum Rektor hat jeder einen Tutor, mit dem er sich regelmäßig bespricht. Einmal im Jahr wird er von einem ministeriellen Supervisor bewertet. Hat der Kollege seine 100 Stunden Fortbildung absolviert? Wie sieht seine Elternarbeit aus? Braucht er selbst eine spezielle Fortbildung: der Chemielehrer vielleicht ein Praktikum im Uni-Labor? Und am Ende erhält jeder Lehrer eine Note.

Wer besser ist, steigt auf: vom Lehrer zum Ober- über den Leit- zum Meisterlehrer. Dieser Aufstieg belohnt keine Managementfähigkeiten. Dafür gibt es wie im Westen die traditionelle Schulleiterkarriere. In Singapur gibt es aber eben einen weiteren, pädagogischen Pfad: Die beiden Oberlehrer (senior teacher) für Mathematik an der Frontier Secondary sind die besten Didaktiker ihres Faches. Die Meisterlehrer sind die besten des ganzen Landes, sie treiben die Didaktik voran und verdienen ein Vielfaches ihrer Kollegen.

Einige Zeit beschäftigte die Frontier-Lehrer die Frage, wie sie schnell erfassen können, was die Schüler im Unterricht verstanden haben. Das Ergebnis sieht man in Form von dreieckigen Schildern auf den Pulten. Mit Grün ("alles klar"), Gelb ("habe Fragen"), Rot ("keine Ahnung") zeigen Mädchen und Jungen an, wie weit sie dem Unterricht folgen können. In anderen Schulen recken die Schüler Kartons in die Höhe mit einem Muster für eine bestimmte Antwortmöglichkeit. Mit zwei, drei Schwenks seines Smartphones scannt der Lehrer die Pappen mit dem QR-Code, und im Nu wird an der elektronischen Tafel sichtbar, wer die richtig Antwort weiß – und wer nicht.

So ist das Unterrichtsprinzip in Singapur: Der Lehrer hat das Unterrichtsgeschehen stets fest in der Hand. Leerlauf sieht man kaum, aber auch wenig Freiräume. Als sei die Schule in Singapur von einem pädagogischen Horror Vacui besessen.

Wo sollen da Fantasie und Eigensinn wachsen? Die Behörden haben den Lernstoff stark beschnitten, die Schulbücher sind dünn. Weniger büffeln müssen die Schüler deshalb aber nicht. Die besten Schüler erscheinen heute nicht mehr in der Zeitung, Schul-Rankings sind offiziell abgeschafft. Dennoch kennen alle Lehrer und Eltern die Position ihrer Schule genau. Rektor Martin Koh predigt seinen Eltern, privater Zusatzunterricht sei eigentlich überflüssig. Doch auch er schickt seine Tochter zur Chinesisch-Nachhilfe.

Es ist schwer, das freie Denken in einem System zu lernen, das auf Ehrfurcht vor Autoritäten baut. Kreativität lässt sich nun einmal nicht pauken. Über dem Eingang zur Frontier Primary School steht in großen Buchstaben: "Sei etwas Besonderes, mach etwas Besonderes" – exakt dasselbe Motto tragen auch Dutzende anderer Schulen.

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