Es ist Dienstag, der zweite Tag der Ski-WM in St. Moritz. Die Sonne verwandelt die Engadiner Bergwelt schon frühmorgens in ein glitzerndes Versprechen. Abertausende Fans reisen mit den Extrazügen der Rhätischen Bahn in den Schnee, ins Getümmel. Sie stapfen vom Bahnhof hoch, zur Haltestelle der Shuttle-Busse. Gute Laune in Kolonnen. Am Mittag starten die Frauen zum ersten WM-Rennen, dem Super-G.

In St. Moritz feiern sie. Die "alpinen Ski-Weltmeisterschaften, im Herzen der Alpen, in der historischen Wiege des Wintersports", wie Gian Franco Kasper, Präsident des Internationalen Ski-Verbandes und St. Moritzer, tags zuvor in seiner Eröffnungsrede im Kulm-Park schwärmte.

14 Tage lang, mit 140.000 Besuchern, 1.300 Freiwilligen und einem Budget von 65 Millionen Franken.

"Die WM fördert das Wir-Gefühl im Oberengadin, das Image des Schneesports in der Schweiz und die Überzeugung weltweit, dass man in unserem kleinen Land Grosses erleben kann." So steht es im offiziellen Medienprospekt.

Aber die Winternation Schweiz leidet.

Die Tourismusorte klagen über sinkende Gästezahlen, den starken Franken und den mangelnden Schnee. Seit 2000 gingen die Hotelübernachtungen in den Schweizer Alpen um 7 Prozent zurück, während die Konkurrenz in Tirol, Vorarlberg und Südtirol um mehr als 8 Prozent zulegte.

Die Baufirmen sitzen vor leeren Auftragsbüchern, weil sie kaum mehr Zweitwohnungen errichten dürfen und gleichzeitig die Nachfrage nach Ferienimmobilien zurückgeht. Gegenüber 2011 – dem letzten Jahr vor dem Baustopp – brachen die Baubewilligungen für Mehrfamilienhäuser bis 2015 in den meisten Gebieten um 30 bis 90 Prozent ein.

Und weil Strom zurzeit in Europa zu Spottpreisen verkauft wird, droht auch die dritte wichtige Einnahmequelle der Alpenregion zu versiegen: die Wasserkraft.

Seit Jahren predigen Ökonomen und Tourismusexperten deshalb den Bergkantonen, die mit ihrer Randlage und der Topografie sowieso schon genug zu kämpfen haben: Ihr müsst euch neu erfinden. Ihr braucht neue Geschäftsmodelle.

Im kantonalen Wettbewerbsindikator, welchen die Großbank UBS jährlich veröffentlicht, liegen auf den letzten zehn Plätzen zehn Bergkantone.

Aber die Bergler, so scheint es, machen lieber weiter wie bisher. Gegen die strukturelle Krise setzen sie auf ein ebenso bekanntes wie umstrittenes Mittel: Großanlässe.

Die Ski-WM in St. Moritz ist nur ein lockeres Aufwärmen. Ernst wird es 2026. Dann sollen die Olympischen Spiele in Graubünden stattfinden. Ob man sich tatsächlich um die Austragung bewirbt? Darüber entscheiden die Bündner am kommenden Sonntag in einer Volksabstimmung.