Im MäcGeiz-Land – Seite 1

Dies ist die Geschichte einer Mitteilung, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, die aber so gern gehört und weitererzählt wurde, dass schließlich alle zu wissen glaubten, was passiert sei. "Aufgrund von verbalen Angriffen, ihre Hautfarbe und Sprache betreffend", so hieß es in dem internen Schreiben, "haben sich Ensemblemitglieder verschiedenster Nationalitäten entschlossen, ihren Vertrag mit Theater & Philharmonie Thüringen nicht zu verlängern oder ihren Wohnort zu verlagern. Viele von ihnen sind mehrere Jahre an der Bühne in Ostthüringen engagiert und haben mit ihrem Können und ihren Talenten zu den Erfolgen des Theaters beigetragen. Aber jetzt ist für sie eine Toleranzgrenze überschritten."

Der Brief, datiert vom 21. November 2016, ist vom Generalintendanten und Operndirektor Kay Kuntze sowie seinem kaufmännischen Geschäftsführer unterschrieben und an die Gesellschafter und Aufsichtsräte gerichtet. Er referiert den Inhalt einer Aufsichtsratssitzung. Öffentlich wurde er, weil er in die Hände der Geraer Sektion der Piratenpartei fiel, die ihn Heiligabend im Whistleblower-Stil auf Facebook veröffentlichte. Dort ist er bis heute zu lesen. "Alles schon einmal dagewesen", kommentierten die Piraten auf Facebook. "Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass sich diese unsägliche Geschichte nicht wiederholt!" Das war ihre Warnung vor einer über Thüringen aufziehenden braunen Gefahr.

Nach der Fusion von Bühnen und Philharmonie im Jahr 1995 haben in Gera die Oper, das Ballett und das Orchester ihren Sitz, in Altenburg das 15-köpfige Schauspielensemble, das nicht nur in der Stadt probt, sondern bis auf eine Ausnahme auch hier lebt. Welche Darsteller gegangen sind oder gehen werden, ist mittlerweile bekannt. Der in Sri Lanka geborene Tenor Thaisen Rusch hat die Oper in Gera bereits verlassen, in Altenburg beenden die Schauspieler Katerina Papandreou (Griechenland), Öykü Oktay (Türkei) und Ouelgo Téné (Burkina Faso) ihr Engagement zum Sommer.

Wir sind nach Altenburg gefahren. Drei Eindrücke vorweg. Erstens: Schon bei der Einfahrt des Zuges fallen die Flaggen auf, die über einer Schrebergartenanlage flattern. Einträchtig nebeneinander: die schwarz-rot-goldene und die schwarz-weiß-rote des Deutschen Reichs. Zweitens: Das Landestheater ist die erfreulichste Überraschung des Orts. Es beschäftigt – wohl einzigartig im deutschen Sprechtheater – mehrere Schauspieler mit anderer Muttersprache und spielt unter dem Direktor Bernhard Stengele vor konstant gut gefülltem Haus. Drittens: Auch wenn die Meldung, drei Schauspieler hätten ihr Engagement wegen rassistischer Übergriffe beendet, atmosphärisch ins Bild passt und außerdem die Relevanz politisch engagierter Kunst unterstreicht, haben wir an dieser Meldung nun doch unsere Zweifel. Und das ist deshalb so wichtig, weil ja das Bezweifeln von Nachrichten sonst das Lebenselixier von Populisten und Verschwörungstheoretikern geworden ist. Also von Leuten, denen man durch womöglich zweifelhafte Meldungen auch dann kein Futter geben sollte, wenn man es von Herzen gut meint.

Wir haben mit Kay Kuntze gesprochen, dem Intendanten. Das von den Piraten geleakte und dann zunächst vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) kolportierte Schreiben, das einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Rassismus und dem Weggang der Darsteller herstellte, möchte Kuntze aus einem formalen Grund nicht kommentieren. Dieser Brief, sagt er, sei zum internen Gebrauch bestimmt gewesen und nicht für die Presse. Sein Haus habe auch bis zum heutigen Tag noch keine Pressemitteilung dazu verschickt. Schließlich hätte der Intendant seine Angestellten lieber vor ihrer öffentlichen Opferrolle bewahrt. Aber zu spät: "Aus einem Gespräch im Aufsichtsrat", so klagt er, "ist eine Lawine geworden."

Der Aufsichtsratssitzung, so erklärt uns der Intendant, seien Gespräche vorausgegangen, bei denen die Künstler ihm ihre persönlich sehr verschiedenen Gründe des Weggangs genannt und unter anderem von Fremdenfeindlichkeit berichtet hätten. Das klingt im internen Schreiben eindeutiger, ist aber tatsächlich auch von Kuntze schon damals differenziert worden. Die dpa zitierte ihn mit den Worten, die Künstler hätten "neben anderen Gründen die veränderte Stimmungslage für ihren Entschluss angegeben".

Warum aber berichtete die Süddeutsche Zeitung, die Schauspieler verließen "wegen Rassismus" das Theater? Warum kürzte der Tagesspiegel, der die dpa-Meldung sonst im Wortlaut zitiert, punktgenau Kuntzes Einschränkung ("neben anderen Gründen") aus dem Zitat? Das ist vielleicht sogar überraschender als der Skandalisierungsbedarf des Boulevards ("Nach Rassismus-Übergriffen: Mitarbeiter flüchten", Bild) . Im Deutschlandradio waren betrübte Stimmungsbilder aus dem Mund von Katerina Papandreou zu hören sowie von Bernhard Stengele, der sich in Andeutungen darüber ergeht, was seinem Schauspieler Ouelgo Téné, der sich dazu nicht selbst vor dem Mikrofon äußern wollte, widerfahren sei. Auch dieser Beitrag wollte belegen, dass die Schauspieler "ihren Vertrag mit dem Theater Gera-Altenburg nicht verlängern, weil sie sich in der Öffentlichkeit der Stadt als Ausländer angefeindet sehen".

Ist Altenburg doch kein rechtes Nest?

Es scheint, als hätte erst der Bedarf an einer Opfererzählung die Geschichte zu jenem Vorfall gemacht, der vor zwei Wochen auch ein bundesweites Intendantentreffen in Sorge versetzte. Hasko Weber, der Vorsitzende der Intendantengruppe und Chef des Weimarer Nationaltheaters, resümierte die Reaktion seiner Kollegen: Es gelte, "Nationalismus, Rassismus und jeder Form von Respektlosigkeit engagiert entgegenzutreten".

Der Schriftsteller Ingo Schulze hat Altenburg auf die literarische Landkarte gesetzt, man liest in Simple storys und Neue Leben von einem Nachwendealltag, der vor allem in der tristen Zone der Plattenbauviertel und Würstchenbuden spielt. Im Zentrum aber ist diese alte Kaiserpfalz ein städtebauliches Juwel, und man kann sich, wenn man vom hoch gelegenen Schloss über die Dächer und Kirchtürme blickt, wie in Prag fühlen oder vor der Filmkulisse eines teuren Historienschinkens. Im Herzen der gut erhaltenen Altstadt erstreckt sich in sanfter Abwärtsneigung der lang gezogene mittelalterliche Marktplatz. Die ältesten Hausfassaden stammen aus gotischer Zeit, das Rathaus mit seinem prächtigen Turm aus dem 16. Jahrhundert. Läge dieser Markt nicht in Altenburg, er wäre eine Hauptsehenswürdigkeit. Immerhin ist aber die Altstadt so bekannt, dass der Abriss eines historischen Gebäudeareals vor fünf Jahren auch überregional Empörung auslöste. Das Kaufhaus, das hier nun residiert, gehört zur Kette Konsum Leipzig.

Das ist leider symptomatisch für die Tristesse, die man sich nicht drückend genug vorstellen kann. Auch die anderen Geschäfte am Markt spiegeln die Bedürfnisse der überalterten Stadt, die auf 33.000 Einwohner geschrumpft ist: MäcGeiz, Blume2000, ein Brillen- und ein Hörgerätegeschäft, zwei Drogeriemärkte. Und um die Ecke eine Fassade, auf die in historisierenden Lettern das Dilemma der noch Arbeitsfähigen gepinselt wurde: "Haus der Zeitarbeit".

Auf dem wie evakuiert wirkenden Markt fand, als wir da waren, eine Darbietung des städtischen Theaters statt. Zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust standen dort in einem weit gezogenen Dreieck drei Schauspieler mit Megafonen in der Hand, während drei weitere auf einem Teppich ein wie in Zeitlupe gedehntes Ballett aufführten. In gleichförmiger Betonung rezitierten die Sprecher Paul Celans Todesfuge und verlasen die Namen und Schicksalsdaten der im "Dritten Reich" aus Altenburg deportierten Juden. Die dreistimmige Textmontage gab den Tänzern den hypnotischen Rhythmus vor. Sie trugen die hohen Hüte und hellen Gewänder sufistischer Derwische und drehten sich wie im Trance-Ritual um die eigene Achse. Darsteller waren übrigens Katerina Papandreou, Öykü Oktay und Ouelgo Téné.

Und das Publikum? Die Wirkung der pathetischen Performance war bemerkenswert. Einerseits – und deutlich in der Überzahl: die vielleicht fünfzig notorischen Theatergänger, die sich, einander vertraut begrüßend, auch zu diesem Termin in der eisigen Kälte versammelt hatten. Zwei andächtig lauschende Punks mit "Gegen Nazis" und "Fuck the Police"-Aufnähern auf der Jacke. Auf der anderen Seite die Passanten: kopfschüttelnde Rentner auf ihrem hastigen Weg in den Drogeriemarkt, junge Männer mit sehr kurzen Haaren, manche mit Ziegenbärten, auf jeden Fall aber Camouflage-Hosen und eine Familie mit Kinderwagen, die lange stehen blieb und sehr laut und höhnisch Passagen aus Celans Todesfuge nachäffte, bevor auch sie sich auf den Weg in den wärmenden Drogeriemarkt machte. Es ist ein zwar nicht zahlreiches, aber umso dumpferes Völkchen, das man in Altenburg per Zufall auf der Straße treffen kann.

"Ich hatte", resümiert Bernhard Stengele, als wir mit ihm im Café Frisch Back sitzen, "selten das Gefühl, so wirkungsvoll zu sein." Als er hier vor vier Jahren zum ersten Mal vors Publikum getreten sei, habe er es im "Internationalen Landestheater Altenburg" willkommen geheißen. Und schon bald gezeigt, wie ernst er es damit meinte. Afrikanische Schauspieler, die in Ostdeutschland das Weihnachtsmärchen aufführten. Die jungen türkischen Darstellerinnen in der Euripides-Adaption Die Frauen von Troja. Eine Tournee durch Griechenland und die Türkei. Und demnächst das Stück Cohn – Bucky –Levy, zu dem die Performance auf dem Markt eine Art Vorstudie gewesen ist. Das Stück behandelt das Schicksal dreier jüdischer Familien aus Altenburg und ist eine Koproduktion mit den Theatern aus Jaffa und Tel Aviv. Das aber wird in Altenburg dann Stengeles letzte Produktion gewesen sein.

Was in der Berichterstattung nämlich kein Thema war: Zum Sommer werden nicht nur die drei ausländischen Schauspieler gehen, sondern auch zwei deutsche – und der Regisseur selbst, der Katerina Papandreou, Öykü Oktay und Ouelgo Téné überhaupt erst geholt hatte. Verlassen sie also mit ihm das Haus, in dem nun sowieso eine neue Phase anbricht? Stengele vermutet, dass dies auch ein Motiv sei. Außerdem würden alle drei ihre bestehenden Verträge (die sich sonst automatisch verlängert hätten) erfüllen, es könne also keine Rede von Flucht sein. Bei ihm selbst habe nach vier produktiven Jahren die Energie nachgelassen. Trotzdem meint er: "Egal, wie schwierig es hier in Altenburg ist, so gut wie in Deutschland geht es uns Künstlern doch nirgends. Oder sollen wir nach Frankreich gehen? Zu Marine Le Pen?"

Ist Altenburg also doch kein rechtes Nest? Zwar erinnert man sich hier noch lebhaft an den Aufmarsch von 2015, bei dem der thüringische Pegida-Klon Thügida über zweitausend Leute auf die Beine brachte. Wie viele Schlachtenbummler, zum Beispiel aus Sachsen, aber offenbar darunter gewesen waren, zeigte sich, als die Teilnehmerzahl bei erneuten Versammlungen plötzlich auf zweistelliges Niveau sank. In der Politik fehlen die Rechten ganz. Der Stadtrat setzt sich aus CDU, SPD, Linken, der Bürgerinitiative Pro Altenburg (für Parkplätze, gegen Hundekot) und den Grünen zusammen. Der Oberbürgermeister gehört der SPD, die Landrätin der Linken an. Weder AfD noch NPD sind hier vertreten. Nur das Altenburger Bürgerforum macht manchmal auf sich aufmerksam. Es ist ein überschaubares Grüppchen von Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern und Rechtsextremen, die vor allem gegen Flüchtlinge hetzen, die im Plattenbauviertel untergebracht worden sind. Allerdings waren etwa dreihundert Neugierige bei einer Kundgebung des Bürgerforums in der Innenstadt, auf der im Herbst zu einem Boykott des Theaters aufgerufen wurde. Der wirkte sich aber nicht negativ auf den Kartenverkauf aus.

In Berlin zu arbeiten, das wäre für sie ein Traum

Kann es jetzt noch eine Überraschung sein, was uns Katerina Papandreou, Öykü Oktay und Ouelgo Téné erzählt haben? Die Erfahrungsberichte der jungen Schauspielerinnen aus der Türkei und Griechenland ähneln sich, beide sprechen hervorragend Deutsch, klagen aber, dass allein ihr Akzent auf Zurückweisung stoße. "Wenn du in einem Tabakgeschäft nach Blättchen und Filtern fragst", berichtet Öykü Oktay, "dann tun sie manchmal, als hätten sie dich nicht verstanden." In Gefahr habe sie sich nie gefühlt, trotzdem lasse sich die Fremdenfeindlichkeit auch nicht ignorieren. "Fremdenfeindlichkeit aber macht", so sagt sie, "vielleicht fünf Prozent meiner Motivation aus, jetzt wegzugehen. Eigentlich gehe ich, weil mir dieser Ort hier auf die Dauer zu klein ist." Sie will im Sommer nach Istanbul zurück. Katerina Papandreou, die ebenfalls wieder in einer Großstadt leben will, erinnert sich, dass sie erst nach den Presseberichten darüber nachgedacht habe, ob Fremdenfeindlichkeit für ihren Entschluss eine Rolle spiele. "Der Alltag hier macht mich manchmal traurig. Aber deshalb gehe ich nicht weg. Ich gehe, weil mir die Stadt nicht lebendig genug ist." In Berlin zu arbeiten, das wäre für sie ein Traum.

Dass uns der 32-jährige Ouelgo Téné etwas anderes erzählt, liegt, so traurig das ist, am Offensichtlichen, denn der aus Burkina Faso stammende Schauspieler ist schwarz. Was auf der Bühne, wo mit ihm in der Titelrolle im Moment der Hauptmann von Köpenick geprobt wird, gerade eine besondere Rolle spielt. "Was will denn der? Sieht ja aus wie ne Leiche auf Urlaub!" Allein Ouelgo Ténés Präsenz lädt Zuckmayers Drama über den Haftentlassenen, der ohne Papiere keine Arbeit und ohne Arbeit keine Papiere bekommt, mit einer sehr aktuellen Bitterkeit auf. Nach Probenschluss aber erfährt der Schauspieler auf den eben doch nicht völlig ausgestorbenen Straßen von Altenburg, was Rassismus im ungeschützten Raum bedeuten kann. "Erst, wenn man es persönlich erlebt, weiß man, wie krass es ist", sagt er, nachdem er lange gezögert hat, mit uns darüber zu sprechen. Er habe verbale Angriffe erlebt. Und körperliche. Er sei den Menschen, die ihn angegriffen haben, sehr oft begegnet, und zwar in der ganzen Stadt. Und er sei deshalb zweimal zur Polizei gegangen. So viel hat Ouelgo Téné noch keinem Journalisten erzählt. Aber wie er genau attackiert und beschimpft wurde, ob man ihn umringt oder geschlagen habe, das hören wir ebenso wenig wie das, was er seinem Intendanten unter vier Augen erzählt hat.

Bestimmt hätten Antworten den Fall plastischer gemacht, aber eben nur im Sinne einer Opfergeschichte, in der Ouelgo Téné nicht mitspielen will. "Es hat keinen Sinn, das zu erzählen", sagt er. "Es ist nur etwas, was ich persönlich erlebt habe." Er will anderes: "Nach vorne schauen und arbeiten." Um dem Hass etwas Besseres entgegenzusetzen, spiele er Theater. Warum geht er dann? "Ich renne nicht vor dem Rassismus weg. Ich brauche nur eine Pause. Und wahrscheinlich werde ich wiederkommen. Mit neuer Energie."

Ganz offenbar gibt es einen üblen Rassismus in Altenburg. Und trotzdem bleibt von unserem Besuch etwas anderes zurück als die Geschichte in den Medien. Es war die Geschichte eines heroischen Opfers, das sich durch Schwäche und Machtlosigkeit den Beistand aller Anständigen verdient hat. Was ist aber, wenn dieses Opfer gar keine Fürsprache will? Dann ist auch das eine Aufgabe für den Journalismus. Sie besteht darin, sich statt im Verbreiten guter Absichten im Ertragen von Komplexität zu üben.