Dr. Alpenkönig

Franz Tschiderer faltet die Hände vor der Hüfte übereinander und senkt den Kopf. Nur sein Atmen ist zu hören. Die Welt draußen, die Skifahrer auf den Pisten, die Restaurants und die riesigen Liftanlagen sind einen Moment lang weit weg. "Vor drei Jahren haben wir diese Kapelle gebaut", sagt er. "Als Dank an den Herrgott dafür, dass wir so erfolgreich sind und so gut leben können".

Das moderne Gotteshäuschen steht mitten im Skigebiet von Serfaus–Fiss–Ladis. Die drei Dörfer im Westen Tirols haben sich zusammengeschlossen und wurden zu einem Paradebeispiel dafür, wie fulminant sich der Tourismus entwickeln kann. Aus einem mittelgroßen Skigebiet in den Alpen wurde ein Resort nach nordamerikanischem Vorbild, ein Ort der Superlative. Mehr als zwei Millionen Nächtigungen verzeichnet die Region jährlich, über ein Drittel davon im Sommer. In den drei abgelegenen Dörfern, in denen insgesamt keine 3.000 Einwohner leben, erwirtschaften 650 Betriebe jährlich bis zu 300 Millionen Euro Umsatz. Die früheren Bauernsiedlungen sind zu einem hochalpinen Rummelplatz geworden. Aus der ganzen Welt pilgern Delegationen ins obere Inntal, gestern aus der Schweiz, morgen aus den USA und aus Frankreich. Sie wollen verstehen, was hier in den vergangenen Jahrzehnten passiert ist.

Der Hotelierssohn Franz Tschiderer ist der Kopf hinter dem Erfolg. Es war seine Idee, den Tourismus nur auf eine Zielgruppe auszurichten: Familien. Alles andere wurde beiseitegelassen. "Es gibt keine bessere Strategie, als die Kräfte zu bündeln. So, wie es Clausewitz in Vom Kriege geschrieben hat", sagt er. Während andere Wintersportorte um ihr Image kämpfen und jedes Hotel sein eigenes Süppchen kocht, ist in den Dörfern Serfaus, Fiss und Ladis alles dem Familientourismus untergeordnet. In jedem europäischen Familienreiseführer wird die Destination gewürdigt, auf entsprechenden Rankings liegt sie meist auf Platz eins. Après-Ski, Extremsport, rustikale Naturerlebnisse? All das gibt es hier nur wenig.

Als Tschiderer 1981 nach Jahren im Ausland nach Serfaus zurückkehrte und im elterlichen Hotel einen Gästekindergarten eröffnete, rümpfte man im Ort die Nase. "Die dachten, ich spinne", erzählt er. Er galt als der Studierte, der keine Ahnung vom Bergdorf habe. Drei Jahre später war der Kindergarten bereits zu klein.

Heute lacht keiner mehr über Franz Tschiderer. Seit fast 30 Jahren ist er Obmann des Tourismusverbandes (TVB) Serfaus–Fiss–Ladis, er steht dem Tirol Tourism Board vor, dem obersten Tourismusgremium und der Schnittstelle zur Politik, und er gilt als wichtiger Einflüsterer der Landesregierung. Trotzdem gibt es nur wenige Fotos von ihm und so gut wie keine Interviews. Den großen Auftritt meidet er. Er zieht die Strippen im Hintergrund. "Ein Regisseur kann mehr bewirken als ein Schauspieler", sagt er im harten Tiroler Dialekt.

Im Gewusel von Serfaus erkennen ihn viele. Wenn er durch die Schiebetür ins Kassenhaus der Bergbahnen tritt, tuscheln die Angestellten hinter der Absperrung und deuten auf den groß gewachsenen 61-Jährigen in der blauen Funktionsjacke. Die Aufmerksamkeit ist ihm unangenehm. Tschiderer geht nicht leutselig auf die Mitarbeiter zu, um sie zu grüßen; er dreht sich um und geht.

Die Zurückhaltung ist sein Markenzeichen. Während sich viele Fremdenverkehrsmanager darin gefallen, mit Paris Hilton Dosenchampagner zu bewerben, nach dem Ballermann-Prinzip ihres Partyortes leben und jeden zum Deppen erklären, der ein kritisches Wort äußert, schlägt Tschiderer lieber leise Töne an.

Denn am schlechten Ruf der Touristiker, deren Anliegen oft auf wenig Verständnis in der Öffentlichkeit stoßen, "daran sind wir selbst schuld, schon allein wegen unseres präpotenten Auftretens", sagt Franz Tschiderer. "Wir sollten nicht mit einem Glas in der Hand bei jedem Fest auftreten und als Adabeis aus der Zeitung grinsen."

Auf der Bergstation steht Tschiderer neben dem Kinderrestaurant Murmlirest. Um ihn herum drängen sich Mädchen und Buben mit ihren Skilehrern, die alle, natürlich, eine pädagogische Zusatzausbildung haben. "Wo sparen die Leute am wenigsten?", fragt Tschiderer und blinzelt in die Sonne. "Bei ihren Kindern."

Wer hier arbeiten möchte, muss Kinder mögen, sonst ist das Bewerbungsgespräch vorbei, bevor es überhaupt begonnen hat. Selbst in gehobenen Restaurants krabbeln Babys herum, Skilifte passen sich automatisch an die Körpergröße an, Thomas Brezina gestaltete Erlebniswege am Berg. Der Dorfkern ist verkehrsberuhigt, dafür führt Österreichs einzige U-Bahn außerhalb von Wien vier Stationen weit von einem Ortsende zum anderen. Sie fährt auf Luftkissen, als Vorbild diente das Subway-System am Flughafen Atlanta.

"Wir können nicht alles unberührt lassen"

Das Geschäftsmodell wirkt einfach: Alle ziehen an einem Strang, und Tschiderer gibt die Richtung vor. Wie er sich durchgesetzt hat? Er sagt: "Der Erfolg hat alle überzeugt." Hans Purtscher, der Skischuldirektor, sagt: "Er hat sie von ihrem Glück eindringlich überzeugt." Und im Dorf erzählt man sich: Tschiderer habe die Betriebe mehr oder weniger gezwungen, seiner Idee zu folgen.

Sein Machtwerkzeug ist der Tourismusverband. Jedes Unternehmen muss einen Mitgliedsbeitrag abliefern und kann mitreden. Aber die Stimmen der großen Tourismusbetriebe zählen mehr. Hat der Obmann die wichtigsten Unternehmen auf seiner Seite, kann er alle anderen überstimmen. Und Franz Tschiderer ist unangefochtener Obmann. Neun Millionen Euro Jahresbudget hat sein TVB. Werden neue Anlagen gebaut, redet der Verband gewichtig mit, er pumpt auch selbst Geld in den Ausbau.

Beim Aufstieg half der Familienname. Bereits Tschiderers Vorfahren waren Dorfkaiser. Der Großvater eröffnete ein Hotel, baute den ersten Skilift, und der Vater, ein ausgebildeter Lehrer, war Geschäftsführer der Bergbahnen und langjähriger Bürgermeister von Serfaus. Dessen zwei Kinder wuchsen katholisch auf und wurden schon mit zehn Jahren ins Internat nach Vorarlberg geschickt. Nach der Matura zog es Franz Tschiderer in die Schweiz. An der Universität St. Gallen studierte er am Institut für Tourismus und war vier Jahre lang Forschungsassistent. Er schrieb wissenschaftliche Aufsätze, eine Dissertation über Destinationsentwicklung, reiste um die Welt und war begeistert von den großen Resorts, die in Nordamerika neue Maßstäbe im Wintertourismus setzten. "In den siebziger Jahren gab es im Alpentourismus keinen Innovationsdruck, Fremdenverkehr war ein Selbstläufer", sagt Tschiderer. "Niemand machte sich Gedanken über den nächsten Winter hinaus."

Doch der akademische Betrieb war Tschiderer zu langweilig. Mit seiner Dissertation unter dem Arm ging er 1981 zurück auf den Berg. Er wollte schon damals nicht nur den elterlichen Betrieb übernehmen, sondern den ganzen Ort verändern. Serfaus war das Labor, um das in der Praxis umzusetzen, was er in St. Gallen erforscht hatte. Sporthotel, Seminarhotel, Romantikhotel – alles Mögliche probierte Tschiderer aus, bis er mit seiner Frau und der kleinen Tochter selbst in Urlaub fuhr und kein passendes Angebot fand. "Da wusste ich, was funktionieren könnte", erzählt er.

Franz Tschiderer stapft um einen neuen Speicherteich, der im Winter das Wasser für die Schneekanonen liefert und im Sommer als Badesee dient. Noch vor vier Jahren war hier ein stiller Wald, nun ist der Flecken verbaut, mit Liftanlage, Restaurant, Sommerrodelbahn und Abenteuerspielplatz. Gegen einen geplanten Golfplatz steht derzeit noch das Naturschutzgesetz, er bedroht eine Kulturlandschaft, in der gefährdete Arten wie das Braunkehlchen vorkommen.

Die Natur ist im Alpentourismus ein Vehikel. Schön soll sie sein, aber nicht im Weg stehen. "Wir können nicht alles unberührt lassen, wenn wir die Landschaft touristisch nutzen wollen", sagt Tschiderer. Früher sei zu wenig Rücksicht genommen worden, der schlechte Ruf stamme von damals. Mit neuen technologischen Möglichkeiten sei man heute aber in der Lage, "möglichst viel der ursprünglichen hochalpinen Flora und Fauna zu erhalten", sagt Tschiderer. Trotzdem: Der Naturschutz soll die touristische Entwicklung nicht unnötig beeinträchtigen.

Jedes Jahr wird in Serfaus, Fiss und Ladis investiert, neue Spielplätze entstehen, Lifte, Pisten und Aussichtsplattformen. Kann das ewig so weitergehen? "Der Skitourismus stagniert auf hohem Niveau", sagt Tschiderer. "Die Nächtigungszahlen müssen nicht mehr steigen, die Wertschöpfung soll steigen." Nur große Destinationen werden sich in dem Wettbewerb halten können, sagt Tschiderer, kleine würden das nicht schaffen. Und: "Es ist eine Lebenslüge, zu behaupten, ein Land wie Tirol müsse flächendeckend Tourismus betreiben." Jedes dritte Hotel müsste eigentlich zusperren, sagt Tschiderer, es rentiere sich einfach nicht mehr. "Außerhalb der großen Hotspots sollte man nicht versuchen, den Tourismus krampfhaft mit Subventionen aufrechtzuerhalten."

In Serfaus war es am Ende die Überschaubarkeit der Region, die den Erfolg brachte. "Es entscheiden eine Handvoll Leute", sagt Tschiderer. Zwei Jahre will er noch Obmann des TVB bleiben. Seine zwei Hotels in Serfaus hat er an seine Cousine verkauft, die eigene Tochter arbeitet als Rechtsanwältin in Wien und möchte nicht zurück in die Berge. Und Franz Tschiderer selbst? Der freut sich darauf, in der Pension die abgebrochene akademische Arbeit fortzusetzen und dann wieder den einen oder anderen Fachaufsatz zu schreiben.