Das klärt sich sicher gleich", sagt der unauffällige Mann in der braunen Strickjacke, die an ihm wie eine Verlängerung der offenbar vor nicht allzu langer Zeit abgestreiften Bettdecke herunterhängt. Und weil er die Situation, in der er sich gerade befindet, so gar nicht versteht, wiederholt er mit leicht panischem Flackern in der Stimme: "Das klärt sich sicher gleich!" Aber natürlich passiert das nicht, jedenfalls nicht in Ingrid Lausunds neuem Stück Trilliarden. Die Angst vor dem Verlorengehn, das sie nun selbst im Schauspielhaus zur Uraufführung brachte.

Während der Intendanz von Tom Stromberg (2000 bis 2005) war Lausund Hausautorin und Regisseurin und sorgte für melancholisch-heitere Programme, in denen es um alles oder nichts, um den eigenen Bauchnabel wie den Zustand der Welt ging. Das ist lange her. Inzwischen kennt man sie eher als Drehbuchautorin der mehrfach ausgezeichneten Fernsehserie Der Tatortreiniger, für die sie unter dem Pseudonym Mizzi Meyer schreibt. Die Titelrolle des Putzmanns Heiko "Schotty" Schotte ist darin kongenial mit Bjarne Mädel besetzt, der mit Lausund nun wieder nach Hamburg zurückgekehrt ist, wo ihn einst Stromberg engagiert hatte.

In brauner Strickjacke und mit grauem "Rentnerhütchen" marschiert Bjarne Mädel zumeist durch expressiv wabernden Nebel, der sich hebt und senkt, seitlich verschiebt, Schatten verschluckt und Widersprüche verwischt. Das großartig gestaltete Licht von Susanne Ressin kühlt diese magische Nebelwand ab, verleiht ihr eine fast gemütliche Wärme oder schneidet sie in harte Flächen. Darüber bewegt sich hoch oben eine Art Tortenstück voller Scheinwerfer, die in unterschiedlichen Formationen leuchten.

Dieses Bühnenbild von Beatrix von Pilgrim ist beeindruckend. Es gibt der Inszenierung einen Spielraum, der sie allerdings bald überfordert. Denn Ingrid Lausund weiß nicht viel mit den Personen anzufangen, die in unendlichen Kreisbewegungen über die Drehbühne irren. Erst tragen sie fleischfarbene Trikots, später kommen Kleidung, Worte, Schicksale dazu. Einige scheinen tot zu sein, andere nicht, wie sie da in kurzen, unzusammenhängenden Sätzen eigentlich nichts erzählen, aber die Zuschauer manches assoziieren lassen.

Ingrid Lausund hat ihr Projekt zusammen mit den improvisierenden Darstellern entwickelt, was sich in Spuren auch im fertigen Werk erhalten hat. Immer wieder artikulieren sie ihren Verdruss über ein Detail ihrer Rolle oder ein Element ihres Kostüms oder über ihre Funktion im dramatischen Ablauf. Bjarne Mädel als Franz etwa stakst an die Rampe vor und klagt: "Das Wahrscheinlichste ist, dass ich jetzt einen Text habe, damit die Kollegen hinten in Ruhe einmal rumgehen können." Michael Wittenborn als esoterischer Althippie, der mit einer Tasse hereinschlurft, nölt: "Darf ich mal bitte fragen, warum ich hier einen Ayurveda-Tee in der Hand hab?" Die Schauspieler suchen ihre Figuren und finden sie höchstens in Fragmenten, die jedoch kein großes Ganzes ergeben, sondern belanglos-halbherziger Kleinkram bleiben.

Das ist bedauerlich, weil manches von dem, was die Schauspieler mit kapriziösem Schwung und abgründigem Übermut vortragen, durchaus treffend und komisch wirkt. Die Hauptthemen ihrer Reflexionen aus einem Nirgendwo zwischen Himmel und Hölle sind Krankheit, Tod, Jenseits, Religion. Was es mit dem Titel auf sich hat? Er erinnert vielleicht an die Gefährdung des menschlichen Körpers, der, wie es der sportlichste Vertreter im Stück erwähnt, aus "hundert Billionen Zellen" besteht, "aber wenn eine aus dem Ruder läuft ... Nur eine einzige!" Natürlich sollte man das nie vergessen, bloß abendfüllend wird es trotzdem nicht.

Ein siebenköpfiger Pseudo-Kirchenchor taucht zwischendurch auf und löst unwillentlich einen heftigen Disput aus: Der Schauspieler Michael Weber als grantiger Mann im blauen Mao-Anzug weigert sich nämlich, von der Seele, die himmelwärts fliegt, und ähnlichem "sakralen Trostkitsch" zu singen, was den anderen gar nicht gefällt. Die Gruppe echauffiert sich und bildet ein uneinig-gereiztes Ensemble bei der Probenarbeit ab. Ansonsten überwiegen ausgedehnte Monologe, die sich unverbunden aneinanderreihen.

Angelika Richter karikiert auf silbernen Stöckelschuhen eine antiautoritäre Mutter, die ihren Kleinkindern die Existenz Gottes erklären will. Karoline Bär schlüpft in ein Ganzkörpertrikot voller Fettpolster und in die Schablone einer unglücklichen Frau, die aufgestaute Konflikte mit ihrer Mutter selbst nach deren Tod nicht beenden kann. Der Kauf einer Fußmatte bringt Michael Wittenborn als "Eso-Fuzzi" in Rage, da sie der Verkäufer stets "Schmutzfangmatten" nennt, worauf er diesem vorwirft, in einem "geistigen Müllhaufen" zu vegetieren. Einen fröhlich-hedonistischen Freizeitsportler, der von sich samt seinem Penis begeistert ist ("durchweg positives Feedback"), zeigt Bastian Reiber mit viel dämlichem Grinsen und Posieren. Später lässt er diese Figur ins Bodenlose abstürzen, und all die Selbstbeweihräucherung löst sich in Dunkelheit auf.

Auch Bjarne Mädels Franz wird nach einer schlimmen Nachricht bald auf jenem Friedhof liegen, auf dem er gern spazieren ging. Vorher zitiert er mit "Als ob man gar nicht dabei gewesen wär’" einen Satz Ödön von Horváths über das Leben, das einem die Sehnsucht abgewöhnt und die Flügel bricht. So lassen sie alle gehörig Dampf ab, ohne dass mehr als heiße Luft herauskommt. Da rettet das Stück auch nicht, dass ein stark auftretender Bjarne Mädel dabei gewesen war.

Nur der federleichte, hell gestreifte Vorhang vermag in diesem Panoptikum aus Kitsch, Klischees und Karikaturen zu überraschen. Er flattert zu Beginn wie Goldstaub herab und rauscht dann, ohne den Boden berührt zu haben, wie von Geisterhand gezogen, waagerecht nach hinten weg. Fast ein Wunder – immerhin.