Darüber konnte man damals nur lächeln: Mitten im Kalten Krieg prophezeite eine Handvoll Wissenschaftler, eines Tages würden Kommunismus und Kapitalismus einander ähnlich. Biologen hätten herausgefunden, dass genetisch verschiedene Lebewesen, sobald sie denselben Umweltbedingungen ausgesetzt werden, "konvergente Organe" ausbilden. Genau dasselbe gelte für Kommunismus und Kapitalismus, denn beide unterlägen den Zwängen der Industriegesellschaft. Washington und Moskau nähern sich an. Irgendwann.

Als 1989 der Kommunismus von der Bildfläche verschwand, wurde die Konvergenztheorie im Pantheon der Ideengeschichte begraben, doch womöglich war das übereilt. Denn heute, knapp drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall, gibt es eine Annäherung zwischen Washington und Moskau, die so unfassbar bizarr ist, dass es einem die Sprache verschlägt: Steve Bannon, Donald Trumps Chefideologe, hat sich in seiner viel zitierten Vatikan-Rede dazu hinreißen lassen, den russischen Philosophen Alexander Dugin für seinen kompromisslosen Nationalismus zu loben. Dugin gilt als früherer Einflüsterer Putins; er bewundert den italienischen Faschismus, sein geistiger Vater ist der Kulturphilosoph und "Rassetheoretiker" Julius Evola, für den alles Unglück der Welt mit der Abschaffung des Blutopfers begann, mit der Ächtung von Gewalt und der Erfindung von Freiheit und Gleichheit. Bei den europäischen Rechten ist Dugin ein Star; inzwischen befeuert er auch die amerikanische Alt-Right-Bewegung.

Bannon und Dugin verbindet mehr als nur die fanatische Liebe zum Nationalismus und der libidinöse Hass auf Linke, Liberale und globalists. Beide verstehen sich als Epochendenker, beide fühlen sich dazu berufen, eine neue Ära einzuleiten, ein Zeitalter ohne liberale Schwächlinge, Autoritätsverächter, Atheisten, Posthumanisten, "LGBT-Maniacs" und Davoser Eliten. Schuld an allem, auch am gottlos verwilderten Kapitalismus (Bannon: " a system of fat cats"), sei die Säkularisierung, der Teufel der Moderne. Die Wall Street, wer möchte das bestreiten, "betrachtet alles Menschliche nur noch als Rohstoff und verwandelt alles in ein Wertpapier". Das klingt nach Dugin, stammt aber von Bannon.

Die Helden der Gegenaufklärung wissen bereits, wie diese Zukunft auszusehen hat. Bannon, der nebenher noch die christliche Entscheidungsschlacht gegen den Islam gewinnen möchte, will zurück zum geschlossenen Nationalstaat und sucht, trotz aller Kritik an Putins "Kleptokratie", den Schulterschluss mit Moskau. Auch für Dugin ist der Ost-West-Konflikt beendet; er plant eine rechte Weltrevolution, bei der sich die Nationalisten aller Länder vereinigen, um Seite an Seite mit den USA "den liberalen Sumpf auszutrocknen": überall auf der Welt, bald auch in Deutschland.

Vielleicht hat die neue heilige Allianz eine dunkle symbolische Vorgeschichte, jedenfalls fühlt man sich an Trumps angebliche Orgie im Moskauer Hotel Ritz-Carlton erinnert. Niemand weiß, ob die Geschichte stimmt, doch selbst für den Fall, dass sie der fiebrigen Fantasie eines Agenten entsprungen ist, wäre ihr Erfinder nicht nur ein Denunziant, sondern ein Visionär: Es sei Trumps Herzenswunsch gewesen, jene Präsidentensuite zu bewohnen, in der zuvor der abgrundtief gehasste Liberale Barack Obama übernachtet hatte. Abends soll Trump dann einige Prostituierte aufs Zimmer bestellt und sie gebeten haben, auf die Bettstatt zu urinieren. So etwas macht man nicht selbst, man lässt es machen.

Was beschreibt die Szene? Sie beschreibt einen rituellen Akt. Trump schändet das Lager des Präsidenten, er reinigt durch Verunreinigung. Das Alte ist entweiht, das Neue, der regime change, kann beginnen – nicht irgendwo auf der Welt, sondern in Moskau. Dugin jubelt derweil über die Konvergenz der Systeme; für ihn ist Trump offenbar der Gorbatschow des Westens, der das liberale System durch einen Staatsstreich zum Einsturz bringt. Damit endet der lange Weg nach Westen; Amerika, schwärmt Dugin, "befreit sich selbst" und ändert die Laufrichtung der Weltgeschichte. Der Westen neigt sich gen Osten, nach Moskau, dem "dritten Rom".

Es muss viel schiefgelaufen sein im kapitalistischen Westen, wenn solche Ideen es bis ins Weiße Haus schaffen.