Alles, was wirklich zählt, beginnt klein. Das Leben. Kunst und Musik. Begeisterung und Liebe. Al Jarreau ist dafür ein gutes Beispiel. Klein fängt er an, fünftes von sechs Kindern einer armen Familie in Milwaukee, der von deutschen Immigranten geprägten Bier- und Bratwurststadt im öden Mittelwesten der USA, wo die soziale Lage der afroamerikanischen Bevölkerung noch übler ist als in anderen Städten des Nordens. Geboren 1940; als er mit dem Gehen so weit ist, ist Krieg, der Vater, ein Priester, schuftet in der Munitionsfabrik, die Mutter vertritt ihn in der Kirche. Und spielt die Orgel. Die Geschwister, die immer irgendetwas sagen, summen, singen, sonst wie Klang produzieren und Al zwingen, das auch zu tun. Schön ist es auch: Accentuate the Positive, fasst Jarreau sechs Jahrzehnte später seine Lebensphilosophie zusammen, der Titel seines ungemein swingenden Jazzalbums.

Irgendwann hat sich die laute Kulisse in Musik verwandelt, und ihre Schubkraft ist die Lust am Spiel mit Frage und Antwort, Reiz und Reaktion, mit Improvisation, von der eine Abzweigung in den Jazz führt. Eine andere führt in den Rhythm and Blues, eine dritte zum Pop. Al Jarreaus persönlicher Hauptstrom geht ohnehin zu den Menschen.

Natürlich war die Saat der Musik zunächst nur ein Körnchen. Al Jarreau interessiert sich für vieles, für Sport und die Welt und dafür, sie ein bisschen besser zu machen. Im Kleinen, versteht sich. Als Schülervertreter, im Stadtteil. Später studiert er Psychologie, arbeitet in der beruflichen Eingliederung von körperlich oder geistig Behinderten. Das war in San Francisco, und die kleine Musiksaat ist in der Zwischenzeit ziemlich weit gediehen: An drei Abenden in der Woche singt er mit einem Jazztrio um den Pianisten George Duke in einem Nachtclub.

Doch Al Jarreau ist spät dran, in den Siebzigern, als die Hippies Kreise sehen und seltsame Formen und plötzlich merken, da ist einer, der hat uns etwas Unglaubliches zu zeigen. Gesang als einen inneren Tanz der Musik, lebensfroh, abenteuerlustig und mitreißend. Jarreau ist 35, als seine musikalische Karriere in Gang kommt. Der erste Plattenvertrag, das erste Europa-Gastspiel, an seinem 36. Geburtstag, dem 12. März 1976, Onkel Pö’s Carnegie Hall in Hamburg, drei Tage hintereinanderweg. Dieser Sänger ist eine Sensation, die Schlange vor der Tür den Eppendorfer Weg hinab wird von Tag zu Tag länger. Dieser Gesang, ungeheuer, facettenreich, mit Leichtigkeit vom weichen Samtton in die entlegenen Register der Soundproduktion schweifend: Beatbox und Orchester in menschlicher Gestalt. Und jenseits all seiner Virtuosität als Sänger, jenseits all seiner technischen Perfektion spürbar gewachsen aus einer menschlichen Geschichte.

Die solo vorgetragene Version von Take Five, komplett mit Körper-Percussion, Körper-Bass, -Klavier und -Altsaxofon, wird zu einem Paradestück, in dem alles aufgehoben ist. Betörende Virtuosität und menschliche Wärme, mitreißender Groove und subtil phrasierte Melodie, die Experimentierfreude des Jazz, der Schmelz des Rhythm and Blues, die Menschennähe des Pop. Jarreau schafft das Kunststück, in allen drei Sparten Grammys einzusammeln, sieben insgesamt. In seinem Gesang fließen die verschiedenen Seitenarme eines Stromes wieder zusammen, der sich irgendwann aufgeteilt hatte, als der Jazz erwachsen wurde und Kunstwillen zeigte, die schwarze Popmusik lieber Glitzeranzug trug und der kleine Bruder Rock ’n’ Roll das Pubertäre für sich beanspruchte.

Älter werden wir alle, die Rebellion hängt fein säuberlich gebügelt irgendwo im Schrank, doch Al Jarreau bleibt ein verlässlicher Begleiter. Vier Jahrzehnte lang, immer wieder mit langen Unterbrechungen, doch jedes Mal wieder frisch und begeisternd. Im vergangenen Sommer war Al Jarreau noch einmal mit der NDR Bigband unterwegs, mit der er gern arbeitete. Auf dem Programm stand ein auf ihn zugeschnittenes Duke-Ellington-Programm, 18 Konzerte in 31 Tagen. Er kam im Rollstuhl zur ersten Probe, doch beim Arbeiten straffte sich der angeschlagene Rücken; wenn er sang, tankte Jarreau Kraft. Und als die Bühne dazukam und ein Publikum davor, schien (fast) alles zu sein wie immer. Anfang Februar sagte der Sänger auf ärztlichen Rat den zweiten Teil der Europatour ab und beendete in "vollständiger Trauer" offiziell seine Bühnenkarriere. Am Sonntag starb Al Jarreau im Kreis seiner Liebsten.