Wird die AfD noch vor der Bundestagswahl von den Radikalen gekapert? Georg Pazderski befürchtet das. Der 65-Jährige gehört zu dem, was manche im Moment "die alte AfD" nennen: bürgerlich, wirtschaftsliberal, wütend – aber nicht rechtsextrem. Als Mitglied des Bundesvorstands war er am Montagmorgen dabei, als die Parteispitze auf einer Telefonkonferenz mit neun gegen vier Stimmen einen Beschluss fällte, der die AfD zum zweiten Mal in ihrer jungen Geschichte an den Rand der Spaltung bringt: Der Vorstand leitete ein Ausschlussverfahren gegen Björn Höcke ein, die Galionsfigur des Rechtsaußenflügels.

Ein Monat ist vergangen, seit Höcke in Dresden eine Rede gehalten hat, in der er das Berliner Holocaust-Mahnmal in raunendem Ton als "Denkmal der Schande" bezeichnete. Jetzt muss die AfD eine Entscheidung fällen, die sie im Jahr der Bundestagswahl gerne vermieden hätte: Will sie eine Partei bürgerlichen Protests sein – oder will sie den ganz rechten Rand eingemeinden? Um diese Frage ist ein offener Krieg innerhalb der AfD ausgebrochen. Schon jetzt geht es dabei auch um die Macht in der künftigen Bundestagsfraktion.

Höckes Leute haben ihre Macht in den vergangenen Jahren ausgebaut

Pazderski will, dass Höcke geht: "Die Sprache, die Höcke benutzt hat – das Gerede von der ›Bewegung‹, der ›Schande‹, das hat viele unserer Wähler an den Sportpalast erinnert." Er spielt damit auf die Reden Joseph Goebbels’ an. Der 1951 geborene Offizier Pazderski hat die Bundeswehr in Ostdeutschland mit aufgebaut und unter dem amerikanischen General Petraeus in Tampa/Florida gedient. Weil er organisieren kann, hatte ihn Parteigründer Bernd Lucke einst zum Bundesgeschäftsführer gemacht. "Ich stehe zur Aufarbeitung unserer Geschichte. Kein anderes Land auf der Welt hat das fertiggebracht", sagt Pazderski. Nur: Hat er mit dieser Haltung noch die Mehrheit der Partei hinter sich? Ist die AfD noch die Partei der Pazderskis, oder ist sie schon die der Höckes?

Die Radikalen, Höckes Unterstützer, behaupten Letzteres. Der Thüringer Landeschef hat einflussreiche Freunde in der Partei, zu ihnen gehören der brandenburgische Fraktionschef Alexander Gauland und André Poggenburg, Fraktionschef in Sachsen-Anhalt. Sie haben ihre Macht in den vergangenen Jahren ausgebaut: nicht nur weil sie große Landtagsfraktionen führen. Sondern auch weil sie den Takt der Provokation vorgeben. Die beiden haben gegen Höckes Parteiausschluss gestimmt – sie sind fasziniert davon, wie dieser Mann ganze Festhallen für sich einnehmen kann. Sie glauben, dass AfD-Chefin Frauke Petry sich diesmal verschätzt hat.

Gauland sagt: "Frauke Petry will Höcke loswerden, weil sie der Meinung ist, dass wir mit ihm nie politisch ankommen und Teil einer Koalition werden könnten. Sie will die Partei an die CDU andocken." Er aber, Gauland, möchte das nicht. Und Poggenburg sagt: "Frau Petry handelt aus taktischen Gründen. Aber sie wird geschädigt aus diesem Konflikt hervorgehen."

Wieso geht Petry das Risiko ein, jetzt Höckes Ende zu fordern? Wer mit ihren Beratern spricht, erfährt: Schon seit den Tagen, an denen Höckes Kommentar zum Holocaust-Denkmal in Berlin in den Medien für Aufruhr sorgte, sei sie entschlossen, den Mann ein für alle Mal loszuwerden. Weil sie klug vorgehen wollte, habe sie einen Monat verstreichen lassen. Und ließ das Kurzgutachten eines Anwalts einholen, der Höckes Rhetorik mit der von Hitler abglich und zu dem Schluss kam: Ein Höcke-Ausschluss wäre juristisch möglich. Damit gewann Petry die entscheidenden Stimmen im Vorstand für sich.

Petry will Höcke hinausdrängen, weil er ihr als Konkurrent gefährlich werden kann. Aber auch weil er in ihren Augen gefährlich für die Partei ist: Von Höcke, so sehen das Petrys Leute, gehe ein permanentes Risiko aus, weil er seine Auftritte, trotz aller Kritik und gesellschaftlichen Ächtung, genieße. Auf Dauer werde sich das auf die Umfragen auswirken, das sei auch jetzt schon sichtbar.

Das ist das taktische Element. Petry spürt zudem, dass es immer mehr Menschen gibt, denen es um die Integrität und den Kurs der Partei selbst geht. Auch in Petrys engstem Kreis gibt es inzwischen viele, die nicht wollen, dass die AfD eine Partei der Ausgegrenzten ist. Zum Beispiel Uwe Wurlitzer, Landtagsabgeordneter und Generalsekretär der Sachsen-AfD. Ein enger Vertrauter der Parteichefin.