Für das, was Winston Churchill erlebte, müssten andere ein Dutzend Mal geboren werden. Er war Kavallerieleutnant und Kriegsberichterstatter. Er regierte als Innen-, Finanz-, Verteidigungs- und zweimal als Premierminister. Da er offenbar vieles richtig gemacht hatte, schlug ihn Königin Elisabeth II. zum Ritter des Hosenbandordens. Und für sein historisches Werk über den Zweiten Weltkrieg kassierte er nicht irgendeine Auszeichnung, sondern den Literaturnobelpreis. Erstaunlich ist, wie viel Zeit der Mann noch fand, um sich intensiv den Naturwissenschaften zu widmen. Mit 22 las er Charles Darwins Ursprung der Arten, jahrzehntelang schrieb er wissenschaftliche Essays, zum Beispiel 1931 über die Möglichkeit, Kernfusion zur Energieerzeugung zu nutzen.

Nicht alle seine Ansichten taugen dazu, sie posthum zu loben. Als Vertreter der Eugenik betrachtete Churchill "Geistesschwache" und "Verrückte" als Bedrohung für die Gesellschaft. Er befürwortete deren Sterilisierung, damit der "Fluch mit diesen Menschen ausstirbt und nicht an nachfolgende Generationen weitergegeben wird".

Eher gereicht dem Denker Churchill ein aktueller Fund zur Ehre. Im Mai 2016 trat ein Mann namens Timothy Riley sein neues Amt als Direktor des US National Churchill Museum in Missouri an. Beim Einarbeiten wühlte er sich durch die Bestände und stieß auf ein maschinengeschriebenes Manuskript mit dem Titel Sind wir allein im Universum?. Autor des Schriftstücks, das 1939 verfasst und in den 1950er Jahren überarbeitet wurde, war Winston Churchill. Auf elf Seiten widmete er sich darin der Frage, ob mit außerirdischem Leben zu rechnen sei und, wenn ja, wo es am ehesten zu finden sei. In der aktuellen Ausgabe von Nature kommentiert der israelische Astrophysiker Mario Livio diesen Fund – und lobt die Detailkenntnisse des vor mehr als einem halben Jahrhundert verstorbenen Staatsmanns.

Lange bevor 1960 der Astronom Hermann Bondi den Begriff einführte, folgte Churchill mit seinem Denken dem Kopernikanischen Prinzip. Angesichts der Weite des Universums hielt er es für nahezu ausgeschlossen, dass die Menschheit etwas Einzigartiges sei. In bester astrobiologischer Sichtweise glaubte Churchill, dass da draußen noch andere fortpflanzungsfähige Wesen sein müssten.

Als wichtigstes Kriterium für die Suche nach außerirdischem Leben empfahl er, darauf zu achten, ob auf den ausgespähten Himmelskörpern Wasser vorhanden sei. Zwar solle man andere Flüssigkeiten nicht ausschließen, aber: "Alle Lebewesen, die wir kennen, benötigen Wasser." Exakt dieser Aspekt gilt bis heute als zentral, wenn über Lebensformen auf Mars, Jupitermonden oder extrasolaren Planeten nachgedacht wird.

Sogar das Konzept der habitablen Zone erklärte der Politiker in seinem Aufsatz souverän. Um über Wasser in flüssiger Form zu verfügen, muss sich ein Planet in einem bestimmten Abstand zu seinem Zentralgestirn befinden. Churchill schrieb, dass Leben sich nur dort halten könne, wo die Temperaturen zwischen "ein paar Frostgraden und dem Siedepunkt von Wasser" liegen und dass diese Eigenschaft vom Abstand zur Sonne abhänge. Weitere Bedingung: die Fähigkeit eines Planeten, seine Atmosphäre zusammenzuhalten. Venus und Mars waren für Churchill neben der Erde die einzigen Planeten unseres Sonnensystems, die theoretisch Leben beherbergen könnten. Die Kollegen auf den Außenbahnen waren ihm zu kalt, den Merkur hielt er (auf dessen Sonnenseite) für viel zu heiß. Dem Mond wiederum mangle es an Anziehungskraft.

Dafür ortete er geeignete Kandidaten in der Ferne: "Die Sonne ist nur ein Stern in unserer Galaxie – und die besitzt noch mehrere tausend Millionen andere." Da die Existenz von Doppelsternen längst bekannt sei, hielt er auch andere Konstruktionen für wahrscheinlich, in denen Himmelskörper einander umkreisen: "Warum nicht Planetensysteme?"

Jahrzehnte bevor zwei Genfer Astronomen 1995 mit 51 Pegasi b den ersten extrasolaren Planeten entdeckten, war Churchill überzeugt, dass es unzählige solcher Himmelskörper geben müsse, die "die richtige Größe haben, um auf ihrer Oberfläche Wasser und vielleicht eine Art Atmosphäre aufzuweisen".

Auch zu Exkursionen ins All äußerte sich der Brite. In "nicht sehr entfernter Zukunft" rechne er mit Reisen zum Mond, zur Venus, zum Mars. Interstellare Trips allerdings hält er für schwierig, schließlich brauche ja schon das Licht "rund fünf Jahre", um zum nächsten Stern und zurück zu reisen.

Als erster Premierminister heuerte Churchill 1940 einen wissenschaftlichen Berater an und förderte erfolgreich die Entwicklung des Radars. Astrophysiker Livio glaubt, dass die Briten es diesem Enthusiasten zu verdanken haben, dass ihren Universitäten nach dem Krieg eine Reihe von Entwicklungen gelang – "von der Molekulargenetik bis zur Röntgenkristallografie".

Die Ironie des Zufalls hat nun dafür gesorgt, dass Churchills Artikel ausgerechnet in dem Jahr wiederauftaucht, in dem ein Wissenschaftsignorant Präsident der USA wurde.

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