Eine monströse Verirrung lässt die Menschen glauben, dass die Sprache entstanden sei, um ihre wechselseitigen Beziehungen zu erleichtern" – dieser Satz des französischen Schriftstellers und Ethnologen Michel Leiris könnte eine Art Motto dieser Berlinale sein. Tatsächlich scheint es, als hätten sich die Filme miteinander verschworen, um das fundamentale Unvermögen der Sprache vorzuführen. Als wollten sie gemeinsam auf der Leinwand zeigen, wie Worte zu Barrikaden werden und Sätze zu Fluchtwegen. Dabei kommt es gar nicht auf den Wahrheitsgehalt des Gesagten an. Vielmehr scheint die Sprache in den Wettbewerbsbeiträgen des Festivals einfach kein Medium zu sein für unsere tiefsten Seelenvorgänge.

Von dieser Diskrepanz zwischen der Sehnsucht und ihrem Ausdruck erzählt auch einer der eindrücklichsten Filme der 67. Berlinale, On Body and Soul von der Ungarin Ildikó Enyedi: Allein durch Blicke knüpfen die beiden Hauptfiguren bei ihrer ersten Begegnung in einer Kantine eine geheimnisvolle Verbindung. Aber schon nach einer kurzen Konversation – unter anderem über die Konsistenz von Kartoffelbrei – haben sich Mária und Endre nichts mehr zu sagen. Phrasen, Sätze, Pausen haben sich wie eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen aufgetürmt.

Sie, verschlossen, blond, ernsthaft, mit durchgedrücktem Rücken, ist die neue Fleischkontrolleurin des Schlachthofs. Er, ein hagerer Endfünfziger mit gelähmtem Arm, leitet den Betrieb. Seit ihrer Kindheit hat Mária Angst vor körperlichen und seelischen Berührungen. Endre hat sich – wohl nach früheren Liebesverletzungen – in sich selbst zurückgezogen. Durch einen Zufall stellt sich heraus, dass die beiden jede Nacht dieselben Träume haben: Von einem Hirsch und einer Hirschkuh, die durch einen winterlichen Wald ziehen, Futter suchen, einander beschnuppern, an einem Bach trinken.

Die stille, fast poetische Zweisamkeit der Tiere bildet einen seltsamen Gegensatz zum sexualisierten Dasein der Menschen. Im sterilen, in Grün- und Weißtönen gehaltenen Ambiente des Schlachthofs drehen sich die Gespräche vor allem um Klatsch, Sex, Affären. Ein junger Angestellter zieht durch seine Virilität begehrende und eifersüchtige Blicke auf sich. Eines Tages wird ein Mittel, das die Potenz von Bullen steigern soll, aus dem Medizinschrank geklaut. Mit den ermittelnden Polizisten zieht auch die alltägliche Korruption in den Film ein: Stets wartet auf die Beamten eine Plastiktüte voller Steaks. Indessen werden die Träume für die beiden autistischen Liebenden zum eigentlichen Medium ihrer Gefühle. Letztlich handelt On Body and Soul, dieses wundersame Filmgebilde, vom Kino selbst: von Empfindungen, Sehnsüchten, Fantasien, die in Körpern eingesperrt sind und nur durch Bilder das Licht der Welt erblicken können.

Worüber soll man reden, wenn man keine gemeinsame Vergangenheit hat?

Wenn man so will, dann hat der Berliner Regisseur Thomas Arslan in seinen Filmen (Geschwister, Dealer, Der schöne Tag, Im Schatten) schon immer die Grenzen des Verbalen ausgelotet – und auf der Eigenständigkeit des Kinobildes beharrt. Vor vier Jahren war Arslan schon einmal zu Gast im Wettbewerb der Berliner Filmfestspiele, mit dem Western Gold, gedreht in der Weite der nordamerikanischen Landschaft. Auch Arslans neuer Film Helle Nächte spielt in einer einsamen Natur: In den Wäldern und Bergen des sommerlichen Norwegens. Zur Schilderung der Handlung reicht ein Satz: Nach dem Tod seines Vaters reist Michael (Georg Friedrich) zu dessen letztem Wohnort nach Norwegen, begleitet von seinem halbwüchsigen Sohn Luis (Tristan Göbel), um den er sich letztlich nie gekümmert hat.

So erwartbar die generationsbedingte und familiäre Sprachlosigkeit hier ist, so präzise setzt Arslan den Rahmen dafür. In seinen Einstellungen wird die Fremdheit weniger erzählt als registriert: Der Sohn schaut dem Vater dabei zu, wie der die Sachen des Großvaters einpackt, der ebenfalls kein Vater sein konnte. Nach der Beerdigung organisiert Michael einen mehrtägigen Ausflug, vom dem sich Luis überrumpelt fühlt. Genervtes Schweigen im Auto. Die taghelle norwegische Sommernacht, die keine wirkliche Ruhe bringt. Lagerfeuer mit Würstchen, ein irgendwie anrührendes Bild, das beide nicht ausfüllen können. Der Vater will sich aussprechen, seine Schuldgefühle, Versäumnisse artikulieren. Der Sohn weigert sich, ihm zuzuhören, rastet aus. Weil die Worte die verlorene gemeinsame Zeit doch nicht zurückholen können. Weil durch das schiere Benennen des Versäumten neue Verletzungen entstehen. Worüber soll man sprechen, wenn man keine gemeinsame Vergangenheit hat?

Einmal zeigt die Kamera (Reinhold Vorschneider) eine durch die Frontscheibe gefilmte Autofahrt über eine nebelige Schotterstrasse. Nach jeder Kurve glaubt man, endlich ein Tal, ein Stück Himmel, einen Bergrücken zu sehen. Aber die Fahrt geht immer weiter, und der Nebel wird immer dichter, bis er sich im Weiß verliert. Letztlich ist Thomas Arslans Roadmovie wie diese Fahrt: eine Reise ohne Ende, ohne Ziel. Eine Expedition ins Ungewisse einer Vater-Sohn-Beziehung. Aber immerhin gibt es in Helle Nächte eine Fortbewegung. Am Anfang zieht der Sohn im Auto die Kopfhörer auf. Am Ende weiß er zumindest um die Wut, die er nicht ausdrücken kann. Am Anfang flüchtet sich der Vater in die hilflosen Beziehungsphrasen, die man so kennt. Am Ende hält er den Mund.