Herbert Reul müsste eigentlich zufrieden sein. Der Chef der CDU/CSU-Abgeordneten im Europaparlament führt seit Langem zwei große Kämpfe. Der eine gilt der Sommerzeit, die Reul am liebsten abschaffen würde, der andere Martin Schulz. Rücksichtslos, unzuverlässig, selbstverliebt – das ist das Bild, das Reul von Schulz zeichnet. Seit der Sozialdemokrat 2012 an die Spitze des Europaparlaments trat, warf Reul ihm vor, Schulz würde sein überparteiliches Amt missbrauchen, zur Mehrung seines eigenen Ruhms und desjenigen der SPD.

Nun hat Reul zum ersten Mal viel Aufmerksamkeit für seine Vorwürfe gefunden. Mithilfe anderer Unionsabgeordneter aus dem Europaparlament hat er ein Papier über das Brüsseler Vorleben des designierten SPD-Chefs und Kanzlerkandidaten verfasst, das in Berlin einigen Wirbel macht. Von einer raffinierten Günstlingswirtschaft, die Schulz mit öffentlichen Geldern betrieben haben soll, ist die Rede, von Selbstherrlichkeit und Amtsanmaßung. Herbert Reul ist trotzdem nicht glücklich, im Gegenteil. "Ich verstehe die ganze Aufregung nicht", schimpft er ins Telefon, er ist gerade auf dem Weg nach Straßburg.

Eine Handreichung für Wahlkämpfer. Manche sagen: "Schmutzkampagne"

Jahrelang habe Schulz in Brüssel "Regierungschef gespielt" und das Regelwerk der EU gebogen. Zum ersten Mal hatte Reul vor drei Jahren, im Europawahlkampf, Material gegen Schulz gesammelt. Diese Aufstellung hat er nun aktualisiert und nach Berlin geschickt, eine Handreichung für die Wahlkämpfer sozusagen. Trotzdem stehe er, Reul, nun als Bösewicht da. Als Urheber einer "Schmutzkampagne", sogar mit dem Fall Barschel hat die SPD sein Vorgehen verglichen. Reul, eigentlich ein abgebrühter Typ, ist aufrichtig empört.

In Wahlkämpfen (oder Polit-Serien) gibt es immer wieder diesen Moment: Wenn Nebendarsteller auf die Bühne treten und Hauptfiguren abtauchen, wenn Papiere geleakt werden und Empörung geheuchelt wird, wenn Parteistrategen und Spindoktoren so lange mit Platzpatronen schießen, bis der Schauplatz der Auseinandersetzung im Nebel versinkt. Schmutzkampagne oder Amtsmissbrauch? Selbst in der CDU sind nicht alle glücklich über Reuls Eifer. Aber sind die Vorwürfe gegen Schulz deshalb gegenstandslos?

Die Kritikpunkte, die Reul zusammengetragen hat, sind ganz unterschiedlicher Natur. Mal geht es um Schulz’ Amtsführung als Parlamentspräsident, mal werden ihm persönliche Eitelkeiten zur Last gelegt ("Dies ist eine große Übertreibung seiner eigenen Rolle"). Schließlich führt Reul akribisch auf, welche politischen Positionen Schulz in der Vergangenheit vertreten hatte. Zum EU-Beitritt der Türkei (dafür); zur Vergemeinschaftung von Schulden in der Euro-Zone (auch dafür); zu Kruzifixen in Schulen (eher dagegen).

Auch eine Initiative der ZEIT-Stiftung wird erwähnt. Im Herbst 2016 hatten deutsche Abgeordnete verschiedener Parteien, Netz-Experten, Intellektuelle und Journalisten, darunter Redakteure der ZEIT, eine Charta der digitalen Grundrechte der Europäischen Union entworfen. Zu den Abgeordneten zählte auch Martin Schulz. In seinem Beisein wurde der Entwurf Anfang Dezember im Europaparlament vorgestellt. Schulz habe "die Szene des Innenausschusses" genutzt, schreibt Reul, obwohl er damals schon als SPD-Kanzlerkandidat im Gespräch gewesen sei: "Im Mittelpunkt standen somit wieder einmal nicht die Inhalte, sondern einzig und allein die Person: Martin Schulz."

Manches in dem neunseitigen Papier erscheint kleinlich, anderes entspricht der normalen Auseinandersetzung mit einem politischen Konkurrenten. Gefährlich ist ein Vorwurf, den Reul zwar erwähnt, aber nicht weiter ausführt: Als Parlamentspräsident soll Schulz wiederholt enge Mitarbeiter mit fragwürdigen Posten in der EU-Verwaltung versorgt haben.