Lange Zeit schien die Sache ja klar, so halbwegs jedenfalls. Das Autoritäre war auf dem Rückzug, überall eigentlich, in den Familien, in der Schule, in der Politik, zuletzt sogar in den Unternehmen. Keine Ohrfeigen mehr daheim, kein "Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst ...", kein Rohrstock in der Schule, kein "Basta" im Kanzleramt, und selbst in den Chefetagen redeten alle von Führungskultur, Motivation und flachen Hierarchien. Außer vielleicht bei VW.

Und während sich die meisten Eltern noch immer täglich abstrampeln, irgendwie unbedingt die besten Freunde ihrer Kinder zu werden, unterstützt von einer millionenschweren Erziehungsratgeber-Industrie, steht ganz plötzlich, bam!!!, wieder das Autoritäre vor der Tür.

Nicht als vage Bedrohung, als fernes Schreckensszenario, sondern verdammt real: In den USA regiert Donald Trump. In Polen und Ungarn demontieren nationalkonservative Politiker den liberalen Rechtsstaat, in Deutschland reüssiert die AfD, und in Frankreich könnte sehr wohl Marine Le Pen Präsidentin werden, quasi übermorgen, nämlich Anfang Mai. Dann wäre Europa ein anderes, die EU stünde vor dem Aus, der Euro gleich mit, Grenzen würden definitiv wieder Grenzen, und siebzig Jahre europäischer Friedenspolitik wären kaputt. Diese Entscheidung steht an, nicht irgendwann, sondern in ein paar Wochen.

Kann man über die Frage nachdenken, wer Kindern noch Grenzen setzt, ohne diese historische Situation mitzudenken? Muss, wer von Grenzen in der Erziehung spricht, nicht sofort irritiert bemerken, dass ebendieses Wort: "Grenzen", gerade alle Welt politisch in Wallung bringt? Von den Grenzzäunen Europas bis zu der "beautiful wall", die Donald Trump im Süden der USA bauen lassen will, auf Kosten Mexikos?

Nein, beides gehört zusammen und nicht etwa als semantische Spielerei mit dem Wort "Grenze". Sondern zunächst einmal und vor allem, weil jedes Sprechen über Erziehung ja notwendig ein Sprechen über die Welt ist, in die Kinder hineinwachsen. Genauer: über die Welt, in die sie hineinwachsen sollen. Und diese Welt scheint gerade ungewisser, unübersichtlicher, unsicherer denn je.

Klar, vermutlich sind Eltern unsicher, wie sie ihre Kinder erziehen sollen, seit es Eltern und Kinder gibt. Das Anarchische der Kleinen und das Zweckrationale der Großen gehören notwendig zusammen, da muss Reibung entstehen, Aufbegehren, Streit, im besten Fall abgepuffert durch sehr viel Liebe. Aber wohl nur selten, in ähnlichen Phasen tiefen Umbruchs, waren Eltern derart verunsichert wie heute.

Von der Digitalisierung. Von der Globalisierung. Von den Weltläuften insgesamt. Welche Arbeitsplätze wird es in zehn, zwanzig, dreißig Jahren noch geben? Wird es überhaupt noch Arbeit geben? Worauf lässt sich noch bauen? Worauf vertrauen? Welche Moral-Ressourcen bleiben eigentlich noch? Welche Institutionen? So viel scheint gerade ins Rutschen zu kommen – Europa, die Freundschaft mit Amerika, die Friedensordnung der Nachkriegszeit, die Idee einer liberalen Weltgemeinschaft, um nur mal ein paar Kleinigkeiten zu nennen.

Es sind, natürlich, exakt die Verwerfungen einer hochkomplexen Welt, die den Autoritären gerade auch politisch überall so viel Zulauf bescheren. Denn die Wahrheit ist ja: Nicht nur Eltern sind verunsichert, sondern auch Lehrer. Geistliche. Professoren, Unternehmer, Intellektuelle. Von den Politikern ganz zu schweigen. Dem Land geht es prächtig, aber untergründig sind Umbrüche zu spüren, die niemanden unberührt lassen.

Welches Set von halbwegs Erfolg versprechenden Eigenschaften soll man seinen Kindern in dieser Situation bitte schön mitgeben? Kann man einfach auf den Erziehungsstil der eigenen Eltern vertrauen und ihn kopieren? Wer will schon so sein wie seine Eltern? Und braucht es heute nicht viel mehr als noch vor dreißig Jahren – mehr Gleichberechtigung, mehr Weltläufigkeit, mehr Medienkompetenz?