Früher, in der guten alten Zeit, als die Erde noch eine Scheibe war und die mächtigsten Familien Roms die Kardinalshüte unter sich ausknobelten, als die Traditionalisten in der Kurie den Papst noch liebten und das Kirchenvolk ihn fürchtete, nicht umgekehrt – früher also wurden die bösesten Witze über den Papst außerhalb des Vatikans gemacht. Die Witzemacher hießen Häretiker, und ganz früher kamen sie wirklich, so man ihrer habhaft wurde, auf den Scheiterhaufen. Das ist, liebe Kirchenfeinde, lange her. In jüngerer Vergangenheit war es eher üblich, dass der zuständige Sekretär des Heiligen Stuhls bei besonders schlechten Witzen Anzeige wegen Beleidigung erstattete, natürlich fast immer vergeblich, zum Beispiel gegen das deutsche Satiremagazin Titanic.

Heute hat sich auch das geändert. Der Humor des amtierenden Reformpapstes macht ihn uninteressant für die Titanic, und sein Change-Management hat dazu geführt, dass die Traditionalisten im Vatikan ihn hassen. So sehr, dass sie sich nun selbst an einer Papstsatire versucht haben. Vorige Woche erschien in Rom ein gefälschter Osservatore Romano, ein Fake des Titelblatts der offiziellen Vatikanzeitung. Die Seite zeigt einen dozierenden Franziskus, dazu gibt es ein fingiertes Interview, in dem er die fünf umstrittensten Reformfragen (etwa: ob es nach dem päpstlichen Schreiben Amoris laetitia eigentlich noch absolute moralische Werte gebe, die ausnahmslos gelten?) ein für alle Mal beantwortet. Nämlich jede mit einem kategorischen: Sic et non – "Ja und nein".

Das ist schon witzig, zumal die Überschrift lautet: Ha risposto! – "Er hat geantwortet!" Man merkt aber auch gleich, woher der Witz kommt. Dass dieser Papst die Lehre seiner Kirche verunklare, ist der längst zum Diskursklischee geronnene Vorwurf seiner reformfeindlichen Gegner. Sie behaupten, man wisse nicht, woran man bei ihm sei, und fordern klare Dekrete. Helfen kann ihnen Franziskus da freilich nicht, denn sein Innovationskurs richtet sich gerade gegen eine Kirche der Dekrete und gegen einen Klerus, der altehrwürdige Doktrinen mehr liebt als lebendige Menschen. Dieser römische Medien-Fake, der inmitten der weltweiten Konjunktur von Falschnachrichten so frisch und anders erscheinen mag, ist ein klassischer Fall von Verzweiflungshumor.

Dass der falsche Osservatore als Computerdatei an Geistliche im Vatikan verschickt wurde, war die dritte Eskalationsstufe eines ewig übellaunigen Lamentos über die vermeintliche Unentschlossenheit des Papstes. Namentlich vier Kardinäle stehen dafür: Walter Brandmüller, Joachim Meisner, Raymond Leo Burke und Carlo Caffarra. Zuerst hatten sie im Herbst einen Brief an den Papst geschrieben, er möge endlich zur Familien- und Sexualmoral klar Stellung beziehen. Es genügte ihnen zum Beispiel nicht, dass Franziskus mehrfach gesagt hatte, ihm stehe nicht zu, Homosexuelle moralisch zu verurteilen, und jeder Priester solle selbst entscheiden, was ein evangeliumsgemäßer Umgang mit Geschiedenen sei. Um ihrem Brief Nachdruck zu verleihen, ließen die vier ihre Fragen an die Presse durchsickern, woraufhin der Papst tat, was Chefs gerne mit Blockierern tun, die keine formelle Macht im Unternehmen haben: Er ignorierte sie.

Also: zweite Eskalationsstufe. Im Januar wurden in Rom anonym Plakate geklebt, die dem Barmherzigkeitspapst Unbarmherzigkeit im Umgang mit den traditionsverliebten Kardinälen vorwarfen. Draußen auf den Straßen Roms rissen papsttreue Italiener die Plakate wieder herunter.

Und nun – Stufe drei – der falsche Osservatore. Attackiert werden darin Papst-Unterstützer wie Antonio Spadaro von der Jesuitenzeitschrift La Civiltà Cattolica, der Herausgeber der Tageszeitung La Repubblica Eugenio Scalfari und der Kardinal Walter Kasper. Dazu gibt es ein fiktives Editorial von Lucetta Scaraffia, der Chefredakteurin einer vatikanischen Frauenzeitschrift. Und als Leitmotiv der Seite dienen die frommen "Zweifel" der vier unzufriedenen Kardinäle.

Der Papst unterdessen lachte über die Plakate und erließ ein weiteres Reformdekret: Sein Konterfei sei von den Münzen des Vatikans zu entfernen. Der Chefredakteur des echten Osservatore erklärte derweil, die Fakezeitung sei doch eine schöne kostenlose Werbung fürs eigene Blatt, nur leider im Gegensatz zum Original grässlich layoutet.