Manchmal wirkt er mit seiner hohen Stimme und seiner 1,70 Meter kleinen Statur wie ein Bubi, einer, den man in den Arm nehmen möchte, um ihn vor den Großen zu beschützen. Philipp Lahm hat sich nie gegen dieses Image gewehrt. Unterschätzt zu werden hat auch Vorteile.

So konnte er sich ungestört darauf vorbereiten, im richtigen Moment den nächsten Karriereschritt zu machen und vom Strategen auf dem Spielfeld zum Chefstrategen im sportlichen Bereich des FC Bayern München aufzusteigen. Denn in Wahrheit verfügt er über ein verdammt feines Gespür für Strategie und Macht, sonst hätte er als Spieler nicht die Spitze erreicht und sich vor allem nicht so lange dort gehalten. Fußball mag vordergründig nur ein Spiel sein, ganz oben jedoch herrscht ein Kampf der Alphatiere.

Diesen hat Lahm, so scheint es, vorerst verloren. Vergangene Woche verkündete er, zum Ende dieser Saison seinen bis 2018 laufenden Vertrag als Spieler vorzeitig zu beenden. Dieser Teil der Nachricht war vorhersehbar. Der Perfektionist spürte zuletzt zunehmend, dass sein Körper nicht mehr lange auf dem höchsten Niveau mithalten kann. Der zweite, davon unabhängige Teil der Aussage war hingegen überraschend: Lahm verkündete seinen Abschied vom FC Bayern München. Entgegen allen Vermutungen wird er nicht fließend den seit Matthias Sammers Rücktritt im Juli 2016 vakanten Posten des Sportdirektors übernehmen. Er wolle "nach dieser Saison erst einmal etwas Abstand gewinnen, die lange Zeit im Fußball reflektieren" und sich "in Ruhe Gedanken machen, wo und in welcher Form ich meine gesammelte Erfahrung erweitern und einbringen kann". Sanfter kann man einen Bruch nicht formulieren.

Zwar hat sich Lahm nicht selbst für diesen Posten beworben, er wurde von Karl-Heinz Rummenigge ins Gespräch gebracht. Der 33-Jährige versuchte sich aber auch nicht gegen die wichtigste Personalie im deutschen Vereinsfußball zu wehren: Der Sportdirektor des FC Bayern verantwortet nicht weniger als die sportliche Zukunft eines europäischen Spitzenclubs, einer globalen Sportmarke, die zuletzt 626,8 Millionen Euro umsetzte.

Philipp Lahm war bis zu seinem Statement in der vergangenen Woche der designierte Kronprinz der Bayern. Er hätte zu einem der mächtigsten Männer aufsteigen sollen. Es wäre eine Traumkarriere nach der Traumkarriere gewesen. Und nun will er sich ernsthaft in Ruhe als "Privatier" Gedanken machen?

Der Aufstieg ist daran gescheitert, dass Lahms Bedingung, als Sportdirektor auch im Vorstand sitzen zu dürfen, nicht erfüllt wurde. Ohne den Vorstandsposten wäre Lahm bei jeder Entscheidung von Wohlwollen abhängig gewesen. Er wollte keine Marionette sein. Die Frage, die dahintersteckt, ist jedoch emotionaler: Warum wurde ihm die Autorität verweigert? Fest steht: Wäre Lahms Wunsch erfüllt worden, dann hätte er das Erbe von Uli Hoeneß übernommen, der als ehemaliger Spieler in jedem seiner Ämter beim FC Bayern auch die sportliche Entwicklung mitgeprägt hat. Nun, nach der Absage Lahms, bleibt Hoeneß’ Erbe ungeregelt. War der Präsident noch nicht bereit, sein Lebenswerk zu übergeben?

Uli Hoeneß führt den FC Bayern wie ein Eigner, als besitze er den Verein

Um die Lage in München zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, wie der Verein seit rund vier Jahrzehnten tickt. Der FC Bayern ist der FC Hoeneß. Der 65-Jährige führt ihn schon immer, als besitze er ihn, wie ein Eigner. Hoeneß trifft alle Entscheidungen, er kaufte und verkaufte Spieler, stellte Trainer ein, entließ sie. Den Kauf Manuel Neuers setzte er gegen den Willen des Trainers durch, den Verkauf Thomas Müllers durch den Trainer verhinderte er, bevor Müller zum Weltstar wurde. Pep Guardiola, den Garanten des Qualitätsfußballs der vergangenen Jahre, holte Hoeneß. 2014 musste er wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis, trat als Präsident ab, doch die Weichen zum aktuellen Erfolg der Mannschaft stellte er noch vor der Haft. Und die Zeit im Gefängnis wirkte nur wie ein Interregnum. Im November wurde Hoeneß zum Präsidenten wiedergewählt. Tausende Mitglieder jubelten ihm zu, Gegenstimmen wurden ausgebuht. Am Montag der vergangenen Woche ernannte ihn der Aufsichtsrat zum Vorsitzenden. Hinterfragt wird diese Wahl nicht, als sei sie eine Selbstverständlichkeit.

Uli Hoeneß hat den Verein mit helmutkohlhaftem Machtinstinkt groß gemacht, gepaart mit weichen, kommunikativen Fähigkeiten. Innerhalb der Bayern-Familie hat er die Macht nun zurück, nach außen sieht es anders aus. Vor seiner Haft mahnte er in Talkshows Politiker zur Vernunft. Der alte Hoeneß wäre vielleicht sogar als Bundespräsident ins Spiel gebracht worden. Der neue erschien nicht mal zum Staatsakt für den verstorbenen Roman Herzog. Hoeneß mag im Fußballmilieu noch immer akzeptiert sein, darüber hinaus begrüßt kaum jemand seine Rückkehr öffentlich. Das ist ein enormer Verlust für Bayern München, vermutlich noch mehr für ihn selbst. Vielleicht ist er deshalb noch nicht bereit, einen Teil der Macht an jemanden wie Lahm abzugeben, der, viele Jahre von Uli Hoeneß selbst geschult, auch in Machtkategorien denkt und seit Langem wirkt, als habe er nur auf diesen Augenblick gewartet.