Als Deutschland im Herbst 2015 Hunderttausende Flüchtlinge aufnahm, schwärmte Daimler-Chef Dieter Zetsche, dies könne die Basis für "das nächste deutsche Wirtschaftswunder" sein. Von einem "Riesenpotenzial" sprach Ingo Kramer, der Präsident des Arbeitgeberverbands. Und Post-Chef Frank Appel sagte: "Die Flüchtlingshilfe, die heute geleistet wird, ist kein Kostenfaktor, sondern eine langfristige Investition in die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland." Die vom Fachkräftemangel ausgezehrte deutsche Wirtschaft schien geradezu auf die Flüchtlinge gewartet zu haben.

Inzwischen hat die Euphorie nachgelassen. Erste repräsentative Studien zeigen, dass die Flüchtlinge sehr unterschiedlich qualifiziert sind. Etwa jeder fünfte Volljährige hat entweder nie eine Schule besucht (neun Prozent) oder lediglich eine Grundschule (zehn Prozent). Jeder dritte verfügt nur über einen mittleren Schulabschluss. "Die meisten Flüchtlinge", vermutet der Migrationsexperte Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, "werden im Bereich der angelernten Helfer landen, also nicht als Fachkraft bei Daimler, sondern eher als Hilfskraft in der Dönerbude." Wenigstens biete dieser Bereich des Arbeitsmarktes mehr Jobs als bisher gedacht, sagt Brücker. In den vergangenen drei Jahren sind in Deutschland 1,6 Millionen neue Stellen für Ungelernte entstanden. Auch deshalb ist die Arbeitslosigkeit trotz der zugewanderten Flüchtlinge bisher nicht gestiegen.

Immerhin zwölf Prozent der Flüchtlinge verfügen über ein abgeschlossenes Studium. Ihre Aussichten am deutschen Arbeitsmarkt dürften besser sein – allerdings hängt es vom Einzelfall ab, wieweit die an einer Universität in Damaskus oder Bagdad erworbenen Kenntnisse gebraucht und anerkannt werden. Eine rasche Integration in den Arbeitsmarkt dürfte auch bei den höher qualifizierten Asylbewerbern eher die Ausnahme sein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 16.2.2017.

Derzeit befindet sich ein Großteil der Flüchtlinge noch im Asylverfahren. Obwohl die Behörden früh eine Arbeitserlaubnis erteilen und es viele neue Jobs gibt, gelangen die Flüchtlinge bisher genauso schnell – oder langsam – in Arbeit wie Asylbewerber vor zehn oder zwanzig Jahren. "Das Tempo entspricht ziemlich genau dem, das wir früher beobachtet haben", sagt IAB-Experte Brücker. Setzt sich diese Entwicklung fort, dann dürfte nach fünf Jahren etwa die Hälfte der im Land gebliebenen Flüchtlinge eine Arbeit haben. Bis die Zuwanderer in annähernd gleichem Umfang erwerbstätig sind wie die einheimische Bevölkerung, dauert es wesentlich länger, etwa 15 Jahre.