DIE ZEIT: Herr Harhoff, gerade haben Sie der Kanzlerin das Gutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) übergeben, das der Regierung Erfolge bescheinigt. Wie viel Lobhudelei hatten Sie sich für den Auftritt mit Frau Merkel zurechtgelegt?

Dietmar Harhoff: Wir sind weder Lobhudler noch Wadenbeißer. Neben Erfolgen bescheinigen wir auch einige anhaltende Probleme. Aber es ist bemerkenswert, dass in Deutschland inzwischen drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Forschung und Entwicklung fließen. Als unsere Kommission vor zehn Jahren die Arbeit aufgenommen hat, waren wir von diesem Ziel noch weit entfernt.

ZEIT: Also können wir uns nun zurücklehnen?

Harhoff: Nein. Wir dürfen uns nicht zufriedengeben! Wissen wird im ökonomischen Prozess immer wichtiger und veraltet immer schneller. Deswegen müssen die Forschungsausgaben weiter steigen: Im Jahr 2025 sollte Deutschland 3,5 Prozent seines BIP dafür ausgeben.

ZEIT: Sind da nicht vor allem die Unternehmen gefordert – aus eigenem Interesse?

Harhoff: Sicher. Unternehmen tragen auch zwei Drittel zur Forschung und Entwicklung in Deutschland bei. Aber Innovationen finden schnell Nachahmer. Mit der Folge, dass es für die Pioniere unattraktiv wird, neue Technologien zu entwickeln. Also sollte der Staat zusätzliche Anreize schaffen.

ZEIT: Der verteilt doch schon reichlich Subventionen an Firmen, die forschen.

Harhoff: Aber selbst das beste Förderprogramm erreicht nur einen kleinen Teil der Unternehmen. Vor allem kleine und mittelgroße Firmen tun sich mit der Bürokratie und Antragstellung schwer. Die sollte der Staat ihnen ersparen, indem er Forschung in Zukunft mit Steuervergünstigungen erleichtert.

ZEIT: Warum sind Sie sicher, dass das etwas bringt?

Harhoff: Weil es im Ausland funktioniert. In Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden lässt sich die Wirkung klar nachweisen – der Staat entlastet dort kleine und mittlere Unternehmen, die Forschung betreiben, durch Steuergutschriften. Fast alle OECD-Staaten bieten solche Anreize, Deutschland bisher nicht.

ZEIT: In Ihrem Gutachten sind Sie auch mit den Universitäten unzufrieden – obwohl die ihre Forschungsausgaben deutlich gesteigert haben ...

Harhoff: In der Tat hat sich die Forschung an deutschen Hochschulen sehr positiv entwickelt. Aber die Universitäten werden immer mehr zur Massenveranstaltung: Heute muss ein hauptamtlicher Professor im Schnitt 59 Studierende betreuen – im Jahr 2005 waren es noch 51. Hochschulen benötigen eine verbesserte Grundfinanzierung. Dazu kommt: Was die Wissenschaftler erforschen, geht zu selten in Unternehmensgründungen.

ZEIT: Woran liegt das?

Harhoff: Heute können sich Studenten zwar viel eher vorstellen zu gründen als früher. Aber die Rahmenbedingungen für Gründungen sind noch nicht optimal. Deswegen fordern wir zum Beispiel, dass es für junge Unternehmen eine Forschungsförderung gibt, damit auch in ihnen Personal für Forschungsprojekte finanziert werden kann.