Wenn ein Haus zum Bersten voll ist, ist es entweder zu klein, oder es wohnen zu viele Leute darin. Was wie eine Binsenweisheit klingt, illustriert das Problem der Hamburger Gefängnisse. Die Justizvollzugsanstalten der Stadt sind zurzeit ausgelastet wie lange nicht. Anders als manche nun behaupten, heißt das aber nicht unbedingt, dass sie zu klein sind – sondern eher, dass zu viele und die falschen Leute eingesperrt werden.

Anfang des Jahres saßen 1838 Häftlinge in den Zellen der Stadt, etwa 100 mehr als vor einem Jahr. Das ergab die Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage des CDU-Justizpolitikers Richard Seelmaecker. Viel mehr Insassen passen in die städtischen Gefängnisse nicht hinein: Wegen Sanierungsarbeiten stehen von gut 2.000 Plätzen nur 1.951 zur Verfügung. Die Vollzugsanstalten sind also zu gut 94 Prozent ausgelastet.

Für diesen Trend gibt es nach Angaben der Justizbehörde vor allem drei Gründe: Zunächst arbeiten die Sokos der Polizei effektiver als früher, sie schnappen mehr Einbrecher. Außerdem sitzen mehr Menschen in Untersuchungshaft. Und drittens: Mehr Straftäter bekommen sogenannte Ersatzfreiheitsstrafen. Zu Ersatzfreiheitsstrafen wird verurteilt, wer seine Geldstrafe nicht bezahlen kann oder will. Oft handelt es sich dabei um sozial Schwache, um Hilflose, die in vielen Fällen eher bemitleidenswert als gefährlich sind.

Hamburg sperrt also derzeit mehr als 100 Leute ein, die nicht unbedingt eingesperrt werden müssten. Sinnvoller wären Verurteilungen zu gemeinnütziger Arbeit wie etwa in Dänemark oder Schweden. Das fordert der Resozialisierungsexperte Bernd Maelicke seit Jahren.

Doch da steht Hamburg im Bundesvergleich leider ziemlich schlecht da. Die Stadt hat weniger Kooperationen mit freien Trägern, bei denen von Ersatzfreiheitsstrafen bedrohte Menschen ihre Strafen abarbeiten können, als andere Bundesländer. Hamburg investiert auch weniger Geld in solche Projekte. Offenbar werden lieber Menschen weggesperrt für Delikte, die so geringfügig sind, dass der Richter zunächst gar kein Gefängnis vorgesehen hat.

Das ist auch aus Sicht des Strafvollzugs ärgerlich. Oft sitzen die Menschen nur wenige Wochen ein, bis die Vorbereitung auf die Entlassung aus der Haft schon wieder beginnt. Das kostet Geld und verschlechtert die Haftbedingungen der übrigen Insassen, weil es Kapazitäten kostet. Kurz: Es ist bürokratischer Unsinn.

Grünen-Justizsenator Till Steffen behauptet gern, die Resozialisierung von Häftlingen verbessern zu wollen. Aber überflüssige Haftstrafen für Kleinkriminelle sind sicher kein Schritt in Richtung dieses Ziels. Die vollen Gefängnisse könnten insofern zumindest ein Gutes haben: Vielleicht lässt sich der Justizsenator jetzt endlich dazu bewegen, sich um bessere Alternativen zur Haft zu kümmern. Die Gefängnisse könnte er so ganz nebenbei mitentlasten.