Wenn die Produkte von der Natur nicht zu unterscheiden sind: Ist das noch Gentechnik? Wenn Gene von Apfel zu Apfel übertragen werden, von Weizen zu Weizen? Wenn Schreibfehler im Erbgut spurlos korrigiert werden? Defekte Anlagen gegen intakte Varianten getauscht? Ist das noch Gentechnik?

Das ist nicht nur eine Frage der Definition. Es ist eine Frage nach Regulation und Kontrolle, nach Akzeptanz und Marktzugang, nach Innovations- und Konkurrenzfähigkeit – und nicht zuletzt nach Sicherheit. Es ist eine politische Frage, die an diesem Dienstag in Berlin diskutiert wurde. Die Nationalakademie Leopoldina, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Deutsche Ethikrat hatten Naturwissenschaftler, Juristen, Theologen und Psychologen eingeladen.

Dabei ist schon die Definition eine echte Herausforderung. Sie hat mit Biologie zu tun und mit Mathematik. Rein statistisch kann eine Folge von 20 willkürlichen Genbausteinen nämlich im Erbgut jedes Tieres, jeder Pflanze rein zufällig auftauchen. Darum sollen Veränderungen von weniger als 20 Basenpaaren im Genom – so ein Expertenvorschlag – künftig als naturidentisch gelten. Und wenn Gene ein und derselben Pflanzenart neu kombiniert werden, soll dies ebenfalls nicht als Gentechnik gelten.

Diese Regeln gelten für die Produkte der neuen Techniken. Dass die Techniken, also die Prozesse selbst, Gentechnik sind, ist unstrittig. Schließlich werden fremde oder neue Gene in die Zellen eingeschleust. Diese Gene lassen sich nach getaner Arbeit aber wieder entfernen. Produkt oder Prozess – darüber streiten nun Befürworter und Gegner. Und es wird bald noch komplizierter. Schon gibt es Methoden, ohne Gene präzise ins Genom einzugreifen. Dann ist auch der Prozess keine Gentechnik mehr, oder?

Über solche Fragen wird weltweit diskutiert. Bei der chinesischen Akademie der Wissenschaften wie bei der amerikanischen Umweltbehörde. Und natürlich – wie jetzt – in Berlin. In Deutschland sind diese Fragen so entscheidend, weil über die alte Gentechnik das Urteil längst gefällt ist. Sie ist – bis auf wenige Ausnahmen – schlicht unerwünscht.

Und die neue? Sie ist vielversprechend! Das sagen in Berlin die Naturwissenschaftler. Sie ist eine Herausforderung! Das sagen in Berlin die Juristen, die sich ansonsten in der Definition uneins sind. Die Auseinandersetzung sei dem Verbraucher egal, sagt der Sozialpsychologe. Der Konsument wolle einfach wissen, was er da kauft. Also müsse man es auf die Produkte schreiben. Aber was? "Mit Gentechnik"? "Mit neuen Züchtungsmethoden"?

Die Politiker in Berlin jedoch warten auf die Richter in Luxemburg. Der Europäische Gerichtshof soll entscheiden, ob eine Veränderung von einem einzigen Genbaustein schon Gentechnik ist. Das dauert aber wohl noch ein Jahr. Bis dahin liegt die Frage in Berlin auf Eis. Und das ist der eigentliche Skandal.