DIE ZEIT: Geht es der Menschheit heute besser oder schlechter als vor zwei Jahrzehnten?

Winnie Byanyima: Besser. Millionen von Menschen sind der Armut entkommen, die Welt ist für sie also besser geworden.

ZEIT: Sie als Globalisierungskritikerin räumen ein, dass die Globalisierung funktioniert?

Byanyima: Wir sind keine Globalisierungskritiker. Wir wollen eine andere Globalisierung, denn auch heute geht immer noch einer von neun Menschen hungrig schlafen. Einer von zehn hat weniger als zwei Dollar pro Tag zur Verfügung, das ist die offizielle Armutsgrenze. Und selbst diejenigen, die so viel Geld ausgeben können, müssen um ihr Überleben kämpfen. Kommen Sie einmal in ein Entwicklungsland und versuchen Sie, von zwei Dollar am Tag zu leben. Das ist ziemlich elend, und es darf nicht so bleiben.

ZEIT: Viele Ökonomen haben lange Zeit argumentiert, dass Ungleichheit nötig sei, damit die Menschen sich anstrengen und Länder sich entwickeln.

Byanyima: Da sind die meisten aber heute klüger. Das behauptet fast niemand mehr. Selbst der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt, dass eine hohe Ungleichheit das Wirtschaftswachstum verringert, zum Beispiel weil sie den Zugang zu Bildung erschwert. Weniger Wachstum wiederum hat zur Folge, dass weniger Menschen den Weg aus der Armut schaffen.

ZEIT: Trotzdem war vor allem China im Kampf gegen diese Armut überaus erfolgreich – und das, obwohl die Ungleichheit in diesem Land stetig zugenommen hat.

Byanyima: Das ist die Ausnahme. In vielen Ländern beobachten wir heute eher einen entgegengesetzten Trend: Dort wachsen gleichzeitig Ungleichheit und Armut. Deswegen machen sich inzwischen auch in den Industriestaaten die Mittelschichten Sorgen um ihre Zukunft. Die Menschen haben Angst davor, abzusteigen. Sie fürchten, dass es ihren Kindern schlechter gehen wird als ihnen. Sie müssen damit rechnen, dass sie die Krankenversicherung nicht zahlen können oder im Alter arm sein werden. Deswegen wenden sich die Menschen von den etablierten Parteien ab. Und deswegen wird die Welt immer instabiler.