Für den griechischen Ministerpräsidenten ist die Sache klar: Die hohen Schulden seines Landes sind schuld daran, dass es wirtschaftlich nicht auf die Beine kommt. Deshalb bräuchten die Griechen dringend "Schuldenerleichterungen". Aber liegt es wirklich an den Schulden, dass Griechenlands Wirtschaft im vergangenen Jahr nur um 0,3 Prozent gewachsen ist und die Arbeitslosigkeit immer noch bei über 20 Prozent liegt?

Tatsächlich belief sich die griechische Staatsverschuldung im vergangenen Jahr auf 179,7 Prozent der Wirtschaftsleistung. Anders ausgedrückt: Wenn Griechenland alle seine Schulden zurückzahlen wollte, müssten die Griechen fast zwei Jahre umsonst arbeiten. Das verlangt zwar niemand von ihnen, doch haben es nur sehr wenige Länder geschafft, mit einer derart hohen Schuldenlast fertigzuwerden. Das gilt umso mehr für einen Staat, der nach Jahren der Krise wirtschaftlich und politisch ausgezehrt ist. Deshalb will der griechische Finanzminister seine Kollegen aus den anderen Euro-Ländern am Montag davon überzeugen, einen Fahrplan für einen Schuldenerlass zu vereinbaren.

Doch auch die haben gute Argumente. Denn Schulden sind nicht gleich Schulden. Wenn man einer Bank 10.000 Euro schuldet und jeden Monat 100 Euro an Zinsen bezahlen muss, dann ist das etwas anderes, als wenn die Rate nur bei zehn Euro liegt. Und wenn die 10.000 Euro in einem Jahr zurückgezahlt werden müssen, dann ist das deutlich unangenehmer, als wenn sie erst in zehn Jahren fällig werden. Die Belastung hängt also nicht nur von der Höhe der Schulden ab, sondern auch vom Zins und von den Tilgungsmodalitäten.

An dieser Stelle wird es spannend. Denn obwohl die griechischen Schulden immer weiter steigen, bezahlt Griechenland, gemessen an der Wirtschaftsleistung, immer weniger Zinsen. Im vergangenen Jahr musste die Regierung in Athen für Zinszahlungen 3,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aufwenden, das ist etwa halb so viel wie in den neunziger Jahren. Zudem entspricht es in etwa dem Anteil am Bruttoinlandsprodukt, den die USA für ihren Schuldendienst ausgeben. Und bis jetzt hat Donald Trump noch keinen Schuldenerlass für sein Land gefordert. Das zeigt: Der Schuldendienst belastet Griechenland nicht über Gebühr.

Wie das sein kann? Anders als die meisten anderen Länder hat sich der griechische Staat nicht bei Banken und Investmentfonds Geld geliehen und dafür einen marktüblichen Zins bezahlt. Gewährt hat ihm die Kredite vielmehr der europäische Rettungsfonds ESM, der von den Euro-Ländern getragen wird. Und die haben den Griechen bereits einen Teil der Forderungen erlassen. Sie haben die auf die Darlehen zu entrichtenden Zinsen gesenkt und die Tilgungsfristen verlängert. Dadurch gibt das Land derzeit Jahr für Jahr etwa acht Milliarden Euro weniger für den Schuldendienst aus, als es der Fall gewesen wäre, wenn die Konditionen nicht verändert worden wären.

Würde man diese Erleichterungen auf die Schuldenquote anrechnen, so betrüge die effektiv von Griechenland zu tragende Schuldenlast nach Schätzungen der ehemaligen Wirtschaftsweisen Beatrice Weder di Mauro nur noch 93 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das klingt schon nicht mehr ganz so dramatisch und erfreut deshalb auch den Bundesfinanzminister. Wolfgang Schäuble will einen Schuldenschnitt zum jetzigen Zeitpunkt vermeiden, weil er ihn nicht für sinnvoll hält und versprochen hat, dass es nicht dazu kommt.