Sie führt in ein Klassenzimmer auf der anderen Seite des Pausenhofes. Es ist eine Inklusionsklasse. 22 Schüler, vier davon mit "sonderpädagogischem Förderbedarf", davon zwei mit Downsyndrom. Sie sitzen gerade in einem Nebenraum und schnippeln mithilfe einer Förderlehrerin einen Tomatensalat. Im Klassenraum arbeiten die Drittklässler in ihren Übungsheften, der Lehrer, er soll hier Herr Meyer heißen, geht von Tisch zu Tisch und hilft, wo es nötig ist. Es herrscht eine ruhige, emsige Atmosphäre. Wo ist das Problem?

Wir haben gerade die Idealsituation, sagt Meyer. Die Förderlehrerin ist da. Sie kommt aber nur für 15 Stunden die Woche. Fehlt sie, zerreiße man sich als Lehrer. In vielen Klassen haben Förderlehrer weniger als 15 Stunden. Dazu kommt eine überbordende Bürokratie. Allein um festzustellen, ob ein Kind sonderpädagogischen Förderbedarf benötigt, gilt es, über 25 verschiedene Dokumente auszufüllen.

Was würde helfen, Frau Frei, Herr Meyer? Kleinere Klassen, mehr Lehrer, sagen sie.

Auch im Kultusministerium hat man den Lehrermangel erkannt. Für das nächste Schuljahr rechnet man hessenweit mit 200 bis 300 fehlenden Stellen. Die meisten fehlen in Frankfurt. Grund sei die in den vergangenen 18 Monaten stark angestiegene Schülerzahl. 25.000 Flüchtlinge im schulpflichtigen Alter sind nach Hessen gekommen.

Um die Lücken zu schließen, sollen Universitäten mehr Plätze für Lehramtsstudenten anbieten, junge Gymnasial-, Haupt- und Realschullehrer, die noch ohne Job sind, sollen eine Fortbildung für die Grundschule bekommen. Und auch die Alten sollen in die Bresche springen: Über 1.600 Pensionäre hat Kultusminister Lorz angeschrieben. Mit der Bitte, über eine zeitlich befristete Rückkehr ins Klassenzimmer nachzudenken.

Der Sprecher der Grundschulleiter, Benedikt Gehrling, glaubt nicht, dass das die Probleme in Frankfurt lösen wird. Er erzählt, dass viele Grundschulleiter Absagen einstecken müssten: Viele Bewerber würden nach einem Vorstellungsgespräch lieber nach einer Stelle außerhalb Frankfurts Ausschau halten. Zu hoch sei ihnen die Arbeitsbelastung, zu hoch die Mieten in der Bankenmetropole. "Wir haben eine Absagequote von 50 Prozent", vor ein paar Jahren seien es nur 10 Prozent gewesen. In dem Brief an das Kultusministerium schlägt er deshalb eine Ballungsraumzulage vor.

Es ist 13 Uhr, der Tag ist für Frau Frei noch lange nicht zu Ende. Sie hat jetzt einen Termin auf dem Jugendamt. Es geht um die Mutter einer Schülerin, sie ist Analphabetin und alleinerziehend, hat psychische Probleme und bekommt ihren Alltag nicht auf die Reihe. Eine Familienhilfe muss organisiert werden. Frau Frei hat wieder einmal das Gefühl, dass sie nicht zu ihrem eigentlichen Beruf kommt. Und dass sie eine Pause braucht.

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