Daran hätte gewiss auch Johann Nepomuk Nestroy sein Vergnügen gefunden: Ein Altwiener Wirtshaus im 9. Bezirk mit zigarettengegerbter Holztäfelung, Geweihen, allerlei wucherndem Grünzeug und einer schimmernden Vitrine im Schankbereich. An der Wand gegenüber der Eingangstür aber – und das ist ein Alleinstellungsmerkmal – eine umfangreiche Sammlung von Amtskappeln, Dienstmützen und sonstigen flachen Kopfbedeckungen.

Mittendrin in dieser Oase der Gemütlichkeit liefern sich die drei vazierenden Handwerksgesellen Knieriem, Leim und Zwirn aus Nestroys Zauberposse Lumpazivagabundus derbe Wortgefechte. Gekleidet sind sie wie Landstreicher in schäbige Mäntel. Die Konversation des liederlichen Kleeblatts dreht sich um Wein, Weib und Gesang. Um vergeudetes Leben, hoffnungsloses Begehren und einen Kometen, der die Welt in weniger als einem Jahr auslöschen wird. Als die drei Habenichtse auf dem Höhepunkt dieser Version des Stückes das große Los ziehen, deklamiert der Schneider Zwirn, gespielt von Helmut Wiesner, in einer Diktion, die zwischen volkstümlichen Schleiftönen und einer geradezu überdeutlichen Artikulation oszilliert: "3000 Taler sind mein. Ich bin jetzt a Mandl mit Kren." Sollten aber noch ein paar Nachzügler oder verdutzte Stammgäste an der Wirtshaustür stehen, fällt er kurz aus seiner Rolle: "Bitte kommt’s nur rein, da hinten ist noch Platz."

Dieser Lumpazi im Gasthaus Lechner ist ein spätes Dacapo der legendären Theatertruppe Gruppe 80, die eigentlich seit 2005 nicht mehr existiert. Seinerzeit war das Ensemble berühmt dafür, dass es schwer spielbare und gewissermaßen aus der Zeit gefallene Theatertexte subtil wiedererweckte. So waren sogar Grillparzers Schauspiel Die Ahnfrau oder Ferdinand Raimunds Biedermeierfantasie Moiasurs Zauberfluch genießbar.

"Wir haben unsere Theaterarbeit einst mit Nestroys Talisman in einem Wirtshaus eröffnet", erzählt Helmut Wiesner, der das Ensemble 1980 mit seiner Frau und ständigen Arbeitspartnerin, der Schauspielerin Helga Illich, ins Leben gerufen hatte. "Und jetzt spielen wir wieder im Beisl – das hat doch seine Logik."

Zwischendurch war die Gruppe 80 allerdings viele Jahre lang in einem ehemaligen Sexkino in der Gumpendorferstraße beheimatet und inszenierte neben den Klassikern auch viel Zeitgenössisches. Etwa Wolfgang Bauers Bühnenfeger Magic Afternoon. Zwischendurch dramatisierte die Truppe Trouvaillen der wenig bekannten amerikanischen Autorin Jane Bowles oder überprüfte die experimentellen frühen Stücke von Peter Handke auf ihre Spielbarkeit. Die Inszenierungen verzichteten auf eine aufwendige Bühnenmaschinerie, lieber spielte man minimalistisch nach innen und entwarf, wie es der Bühnenbildner und kreative Partner Carlo Tommasi einmal ausgedrückt hat, "Räume für Träume". Die Gruppe 80: Das war eine Kunst des Sich-Verlierens.

In den nuller Jahren geriet das Theater, so wie viele andere Klein- und Mittelbühnen in den Strudel der Wiener Theaterreform. Da die Ensemblemitglieder aber nicht von einer gütigen Glücksgöttin in lauter Mandln und Weiberln mit Kren verwandelt worden waren, sahen sie sich außerstande, bei deutlich gekürzter Subvention ihrer anspruchsvollen Programmatik weiterhin gerecht zu werden, und gingen gewissermaßen in den theatralischen Vorruhestand. Doch nach dem Ende ist vor dem Anfang: Etwas hat überlebt vom alten Spirit und drängte danach, in einem neuen Rahmen seine Wiederaufführung zu zelebrieren.

Ins Gasthaus Lechner gelangten die reaktivierten Theaterveteranen eher zufällig über die Empfehlung einer Bekannten. Zuerst wurde dort Ernst Jandls satirisches Konversationsstück Die Humanisten als erfolgreiche Silvestersause aufgeführt: "Ich sein mein Sprach, mein deutsch Sprach." Anschließend nahmen sie sich den Wienerischen Evergreen Lumpazivagabundus vor, der sich unter anderem deshalb anbot, weil das Stück über weite Strecken in einem Wirtshaus angesiedelt ist. Einige Mitstreiter aus der alten Zeit wie Dieter Hofinger und Alfred Schedl waren auch gern wieder dabei, und so stand dem Projekt Gruppe 80 reloaded nichts mehr im Wege.