Dann irgendwann, Eva muss um die 30 gewesen sein, starb ihre Mutter, und Eva lief nicht mehr, sie stolperte. Das Einzige, was danach in ihrem Leben konstant war, sagte Mike, war das Auf und Ab.

Und die Gerüchte? Hure? Model? Scientology?

"Ja, das stimmt alles", sagte Mike. "Sie war alles! Sie hat gemodelt, sie hat eine Zeit lang bei einer Escort-Agentur gearbeitet, sie hat zu viel gekifft, und ihre Mutter war bei Scientology, aber Eva ist mit 18 ausgestiegen."

Es stimmt alles, dachte ich. Es ist alles wahr – und doch nicht. Denn im Grunde war das alles, diese Gerüchte, die keine mehr waren, egal. Es ging darum, wie sie war. Und Eva schien etwas in den Menschen berührt zu haben. Jedenfalls redeten alle, mit denen ich während dieser Suche gesprochen hatte, mit großer Zärtlichkeit von ihr. Vielleicht war es ihre Verletzlichkeit, die dazu führte, dass auch sie sich nicht scheuten, verletzlich zu sein.

Das letzte Mal, sagte Mike, habe er Eva Mitte September gesehen, drei Tage vor ihrem Tod in ihrem Zimmer, nur ein Jahr zuvor war ihr Vater gestorben. Wenn es ihr gut ging, streifte sie draußen durch die Straßen, wo sie jeden kannte, aber kaum jemand sie. Sie tanzte durch die Kneipen und schenkte Obdachlosen 20 Euro, obwohl sie selber nur Hartz IV bekam. Aber wenn es ihr schlecht ging, verschanzte sie sich in ihrem Zimmer, diesem zehn Quadratmeter großen Käfig, in dem im Winter die Heizung ausfiel, wo es von der Decke tropfte. Sie schaute dann Serien, Six Feet Under und Dexter, und neben ihr saßen Toldi, der Steiff-Teddy, und Luise, die Puppe, die ihrer Mutter gehört hatte.

Sie hatte keine Kraft mehr, sagte Mike, keine Kraft, sich zu befreien, sie wollte ja weg, weg vom Kiez, diesem Leben, das sie aufzehrte, sie war nur noch Haut und Knochen, aber er glaube dennoch nicht, dass es Selbstmord war, sie war stabil. Für ihre Verhältnisse. Vielleicht war es eine Lungenembolie, vermutete er.

Dann spielte er ein Video auf YouTube ab, das Video ist neben den Fotos, neben fünf Edelsteinen, Rosenquarz und grünem Amethyst, neben einer silbernen Halskette, die er ihr geschenkt hatte, und einem silbernen Ring, den er jetzt am kleinen Finger trägt, alles, was ihm von Eva geblieben ist.

In dem Video trägt Eva ein Gedicht vor, selbst geschrieben, mit dunkler, voller Stimme, untermalt von Musik.

"Mach die Taschenlampe an, das letzte Hemd ist noch nicht dran / Mach die Taschenlampe an, leuchte mir doch mal durch die Kehle, direkt in meine schwarze Seele / Mach die Taschenlampe an, schlafen muss jeder, da lässt der Engel die Feder."

Darunter mehrere Kommentare:

"Rest in peace my ANGEL I’ll miss you for ever my heart is just broken."

"Diese Trauer.... ohne Dich liebes Evachen ist es nicht das selbe. (...) Ich trage dich als mein Licht im Herzen."

Mike sagte, Evas Urne sei auf dem Friedhof Hamburg-Ohlsdorf beigesetzt worden, im Ruhewald am Pökelmoor, Baum 13, eine Linde. 30 Leute seien zu ihrer Beerdigung da gewesen, am 9. November 2016. An diesem Tag wäre sie 42 Jahre alt geworden. Sie war Skorpion.

Nach dem Treffen mit Mike überlegte ich, zum Friedhof zu fahren. Stattdessen fuhr ich nach St. Pauli. Ich war inzwischen nach Eimsbüttel gezogen, vom Kiez in die Bürgerlichkeit. Jemand anderes schaute jetzt vom Küchenfenster in den Hinterhof.

Ich ging in die Barbara-Bar und bestellte ein Bier. Und während ich am Tresen saß, fiel mir Jack ein, Evas Schneider, ein kleiner Mann mit Glatze, dessen Laden gleich um die Ecke lag. Einer der vielen, die sich genau an sie erinnerten. Jack hatte mir erzählt, dass Eva drei Tage vor ihrem Tod eine bordeauxrote Jacke und eine helle Jeans abgegeben hatte, Brandlöcher, Reparatur für 20 Euro. Bislang hat niemand sie abgeholt.

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