Es waren Cassiopeia und Yasuo, Kämpfer und Magier, die Nikolai vom Lernen abhielten. Statt in der Schule Physik und Englischvokabeln zu pauken, fuhr der Junge jeden Morgen heimlich in die Wohnung seines Vaters. Um dort Computer zu spielen. Fast immer League of Legends, ein Online-Strategiespiel. Nachmittags, bevor der Vater von der Arbeit kam, machte sich der 15-Jährige wieder auf den Weg nach Hause. Wochenlang bemerkten die Eltern nichts von diesem Doppelleben – bis die Schule nach dem verloren gegangenen Jungen fragte.

Seit dem Sommer lebt Nikolai nun im Schloss Varenholz in Nordrhein-Westfalen, irgendwo im lippischen Nirgendwo. Das Jugendamt hat ihm und seinen Eltern das Internat empfohlen. Man habe dort Erfahrung mit Schulverweigerern, sagte die Betreuerin nur. Für Nikolai war es kein wirklicher Trost, dass es in Varenholz aussieht wie bei Harry Potter: Türmchen und Torbögen, Kopfsteinpflaster und Kronleuchter. Rundherum Bäume, Felder, Leere – die nächste Kneipe ein Dorf weiter.

"Am Anfang war es scheiße hier", sagt Nikolai. In Varenholz hat er keinen Computer, sein Smartphone muss er abends dem Betreuer geben. Die Abenteuer der virtuellen Welt fehlten ihm, der Kick des Spiels. Statt zu zocken, spielt er nun nachmittags Doppelkopf oder Federball. Wie es ihm geht? Nikolai zuckt mit den Achseln. "Mittlerweile ist es ganz okay."

176 Schüler zwischen 10 und 21 Jahren leben Tür an Tür mit Nikolai, in den Wohngruppen, die hier Engelsburg oder Trotzenburg heißen, ist kaum ein Bett frei. Damit ist Varenholz eine Ausnahme: In vielen anderen Internaten bleiben die Anmeldungen aus. Der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule verpasste dem romantischen Internatsmythos von Hanni und Nanni einen Dämpfer; selbst vermögende Elternhäuser lassen sich seither seltener von den reformpädagogischen Institutionen überzeugen. Auch die wachsende Zahl der Ganztagsschulen macht vielen Internaten die Schüler streitig. Doch das Schloss Varenholz hat schon vor ein paar Jahren eine Nische für sich entdeckt: Es profiliert sich als anerkannte Einrichtung der Jugendhilfe. Nur knapp zehn Prozent der Eltern bezahlt die monatlichen Internatsbeiträge von 2.250 Euro zur Gänze selbst. Für die restlichen Schüler überweist das Jugendamt das Geld. Sofern die Eltern genügend Einkommen haben, werden sie zur Mitfinanzierung herangezogen.

176 Schüler, 176 Einzelschicksale. Zwei Drittel Jungs, ein Drittel Mädchen. Im Schloss Varenholz treffen Jugendliche aufeinander, die die Schule verweigern, Probleme mit der Polizei haben, die von Mitschülern gemobbt oder von den Eltern vernachlässigt werden. Viele hier haben die Diagnose ADHS, manche Asperger-Autismus. Das hat sie zu Problemkindern gemacht. An anderen Schulen sind sie nicht mehr willkommen. Nun, fernab der Familie, soll alles anders werden. Das große Ziel: der Schulabschluss. Wie aber kann in der neuen Umgebung etwas gelingen, woran Eltern und Lehrer, Psychologen und Ärzte über viele Jahre hinweg gescheitert sind?

Es ist sechs Uhr morgens, im Haus 3 beginnt der Tag mit Technomusik. Die Bässe dröhnen durch die Flure, bis ins Büro von Betreuer Christian Busse. Der gewährt den Teenagern ihre akustische Freiheit. Hauptsache, sie stehen auf. Schlaftrunkene Gestalten huschen wenig später über den finsteren Campus, die meisten in Kapuzenpullis. Wer in Varenholz Schüler ist, trägt Pullover oder Shirt mit dem Logo des Internats, der Lippischen Rose. Kurz nach sieben Uhr ist im Speisesaal das Frühstück angerichtet, Brötchen werden geschmiert, Kakao geschlürft. Eine Erzieherin verteilt Ritalin, fast jeder Vierte muss eine Tablette schlucken.

Mittendrin: Internatsleiter Peter Greitemann, 59 Jahre, ein stämmiger Typ aus dem Sauerland. Mit seiner beruhigend-sonoren Stimme ist Greitemann für viele Schüler hier die Vaterfigur. In seiner Internatskarriere hat er schon einige Jugendliche kommen und gehen sehen, Punks, Rechte, Hyperaktive. "Im Moment erleben wir die Welle der Stillen", sagt er und meint damit die steigende Zahl an Schülern, die mit der Diagnose Asperger-Autismus hier sind. Jugendliche, denen es besonders schwerfällt, Beziehungen aufzubauen, die oft sehr isoliert sind oder gemobbt werden.

Viele unserer Schüler haben lange keine Struktur mehr erfahren. Wir versuchen, keinen Jugendlichen aufzugeben

Jeden ankommenden Schüler streift Greitemann mit einem freundlich-prüfenden Blick. Auf das gemeinsame Frühstück legt er großen Wert. Wer keine Schulklamotten trägt, wird ermahnt. "Viele Jugendliche hier haben lange keine Struktur mehr erlebt", sagt er. Das Gefühl für Hunger, Ausgeruhtheit und Konzentration sei ihnen irgendwann abhandengekommen – durch Schuleschwänzen, schlaflose Nächte, Familien ohne Regeln und Rituale. "Mit unserem getakteten Tagesablauf geben wir unseren Jugendlichen wieder Halt."

Kurz vor acht, alle traben in die Schule. Die Erzieher achten darauf, dass sich niemand drückt. Erste Stunde, Deutschunterricht. Nikolai sitzt in der vorletzten Reihe, die langen Haare hängen ihm ins Gesicht. "Was sind die Merkmale einer Kurzgeschichte?", fragt die Lehrerin. Der Lärmpegel in der Klasse steigt, hier und da hebt sich eine Hand. Nikolai wirkt unkonzentriert, seine Finger tippen unaufhörlich in der Luft herum, als hätte er eine unsichtbare Computermaus in der Hand. Die Lehrerin ruft Nikolai auf. "Wenige Personen", murmelt er. Die Lehrerin nickt zufrieden.

Aus dem Lehrerzimmer heißt es, Nikolai sei unauffällig, dränge sich selten nach vorne. Wenn er im Unterricht etwas gefragt werde, falle ihm meist eine gute Antwort ein. Das Wichtigste für Nikolai selbst: "Ich habe null unentschuldigte Fehlstunden! Unglaublich!"