Ein Abend im Herzen Hamburgs: Vom Park nebenan tönt Hundegebell über den Kunstrasen. Das Heimteam aus dem angesagten Schanzenviertel führt gegen starke Gegner aus einer Wohngegend, in der Plattenbau eng an Reihenhaus grenzt. Die Achtjährigen der F-Jugend laufen bis zum Umfallen, das tun sie immer. Ihre Fans jubeln, sie sind entsprechend stolz, es ist Amateurfußball, wie er sein soll: inbrünstig, spaßorientiert, selbstgenügsam. Ergebnis? Egal! Eigentlich.

Bis die Stimmung kippt.

Es beginnt mit einer Grätsche der Gäste. Von hinten auf die Knochen. Und der Schiri? Bleibt stumm. Kein Wunder: Es gibt keinen. Die Jugend der FairPlayLiga soll eigentlich ohne Ordnungsinstanz funktionieren – stünden nicht aufgebrachte Trainer wie der des Gästeteams am Seitenaus. Im Kasernenhofton befiehlt er seiner zurückliegenden Mannschaft, Gas zu geben. "Nachsetzen! Aufstehen! Rauf daaaaa!" Resultat: Der Gefoulte liegt am Boden und heult. Der Foulende spielt weiter und trifft. Der Trainer brüllt vor Freude und wie zur Unterstreichung des Regelbruchs "Geht doch!" hinterher.

Dieser Sound ist in der Altersklasse normwidrig. Denn in der FairPlayLiga sollen sich kindliche Fußballseelen von erwachsenem Eifer ungerührt entfalten können, indem man sie einfach spielen lässt. Achtjährige denken noch olympisch. Punkte werden nicht gezählt, Tore nach Abpfiff bald vergessen. Betreuer sind zur Mäßigung am Spielfeldrand aufgerufen, Eltern haben 15 Meter Abstand zu halten, gern mehr. Im Zentrum steht der Spaß am Sport. Theoretisch. Praktisch scheitert das auch diesen Abend am Faktor Mensch.

Die extremen Gefühlswallungen sind von den Profis über die Kreisklasse bis zur Pampersliga gewandert, seitdem viele Eltern hinter jedem Hackentrick ihres Jungen den Weltmeister 2026 wittern. In England, wo das Phänomen maximal invasiver Eltern als pushy parents bekannt ist, wurden durch die 50 Bezirksverbände der britischen Football Association innerhalb von 15 Monaten 3731 Unsportlichkeiten von Pöbelei bis Krankenhausreife registriert. Hierzulande, beteuert Thomas Hackbarth, Sprecher des Deutschen Fußballbundes (DFB), lägen körperliche Auseinandersetzungen, verglichen mit der Masse an Jugendspielen, noch "im Promillebereich". Die aber haben es bisweilen in sich. Anfang 2016 etwa prügelten sich bei einem Juniorenturnier im Süden Hamburgs 20 Eltern auf dem Parkett, bis die Polizei mit sechs Wagen anrückte. Eine ähnliche Begebenheit führte in Holzmaden bei Stuttgart gar zu Schwerverletzten. Zuletzt sorgte ein Kinderturnier in Kaiserslautern für Schlagzeilen, auf dem acht Mütter von zehnjährigen Jungs so wild aufeinander eindroschen, dass die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung ermittelt. Der Fall hatte zwar offenbar auch mit Trennungsstreitigkeiten zweier Beteiligter zu tun, für den hingebungsvollen Jugendtrainer Ralf Klohr symbolisiert er dennoch "die sinkende Reizschwelle der ganzen Gesellschaft".

Bereits vor zehn Jahren war sie aus der Sicht Klohrs so tief gesunken, dass er sich zum Handeln aufgefordert sah. Nachdem gewalttätige Eltern zum Abbruch eines Juniorenspiels in seiner pfälzischen Heimat geführt hatten, sah er nur zwei Möglichkeiten: "Ich hör auf oder ändere was." Klohr, der vom Bolzplatz über den Jugendwart bis zum Kreisverband die Basis des Nationalsports durchlaufen hat, entschied sich für Letzteres und erfand die FairPlayLiga (FPL).

Nach einem Testlauf im Raum Aachen setzte sich das Konzept bundesweit im Kinderfußball durch – mancherorts gar über die F-Jugend, in der sieben- bis achtjährige Kinder spielen, hinaus. Die drei Regeln nach dem Anpfiff: Trainer beschränken sich aufs Nötigste, Eltern aufs Loben, Kinder aufs Kicken. Punkt. Für die kindgerechte Spielweise gab es viel Anerkennung von Clubs, Eltern und Funktionären. Der DFB fördert die FPL nach Kräften. Doch um Karriereträume überengagierter Väter – und immer öfter auch Mütter – nachhaltig zu regulieren, mahnt der Erfinder Ralf Klohr, bedürfe es mehr als eines Verhaltenskodex. Vor allem verbesserter Kommunikation. "Und guter Trainer." Besser noch: Trainerinnen. Denn die, weiß Klohr aus 56 Jahren Lebenserfahrung, "sehen Fußball als Spaß-, nicht als Kampfsportart".

Das kann Viola von Düsterlho nur bestätigen. Neben ihrem Vollzeitjob bei einer Versicherung betreut sie die F-Jugend des SC Sternschanze. Das macht 15 Stunden ehrenamtliche Arbeit in der Woche, mindestens. Zeit, in der sich die lizenzierte Trainerin auch immer wieder mit rüpelhaften Kollegen herumärgern muss. Wie neulich bei dem Freundschaftsspiel ihrer Schützlinge aus dem Schanzenviertel, als der achtjährige Johnny schließlich heulend vom Platz ging, "weil der Trainer von der anderen Mannschaft gesagt hat, die sollen uns umtreten". Während von Düsterlho höchstens den Namen anstehender Auswechslungen aufs Feld ruft, richten sich Attacken der Gegenseite inklusive Eltern "oft sogar gegen Kinder". Bestürzt erinnert sich die Betreuerin an "›Scheiß-Sternschanze!‹-Rufe".

Angesichts solcher Entgleisungen habe die Trainerin bei Spielen in der Halbzeit bereits angeboten, abzubrechen. Die Lust zu kicken sei jedoch stets größer gewesen als die Furcht vor Aggressivität. Noch. Denn mit dem Spielniveau wachse auch der Leistungsdruck, sagt die Trainerin. "Fußball ist aber keine Pflicht, sondern ein Hobby." Das jedoch ist bedroht, wenn Eltern und Trainer Kinder verbissen auf den Sieg hinarbeiten. Trainerin Düsterlho nennt die Eltern ihrer Schützlinge zwar "vorbildlich". Trotzdem gibt ein Kind aus ihrer Mannschaft zu, dass es den Vater lieber nicht am Spielfeldrand dabeihaben wolle, weil der viel zu aufgeregt und hitzig sei.

Das Phänomen ist auch bei anderen Sportarten zu beobachten. Beim körperbetonten Eishockey wurden Eltern unlängst bei einem Juniorenspiel im bayerischen Dingolfing massiv handgreiflich. Selbst die noblere Feldversion kennt verbale Entgleisungen jenseits der Bande: Darum wird die laufende Hallensaison der Hamburger C-Junioren erstmals ohne Punkte und Meister ausgespielt. "Das trägt deutlich zur Entspannung bei", lobt Klaus Korn vom zuständigen Ortsverband. Leistungsdruck und Trainingsumfang nehme nicht nur im Fußball zu und sorge für aggressionsfördernde Erwartungshaltungen.

Sieben Trainer- und Elterntypen im Fußball erforschte der Jugendtrainer Robert Freis schon 1997 in seiner Diplomarbeit an der Sporthochschule Köln: von "ruhig" und "lobend" über "unkritisch" oder "impulsiv" bis "besserwisserisch", gar "aggressiv". Freis’ Fazit: Während Grundschüler aus Spaß am Spiel kickten und Pleiten zügig verdrängten, seien Erwachsene zu leistungsorientiert, zu laut. Kinder und Jugendliche würden den Sound der Eltern und Trainer dann oft eins zu eins übernehmen.

Dabei sei die Tonlage insgesamt gar nicht unbedingt rauer geworden. Aus Freis’ Sicht hat die postheroische Gesellschaft dem Männersport Fußball viel vom Proletenimage früherer Tage genommen, es gehe "sogar oft entspannter zu" als in seiner eigenen Jugend. Falls vom Gegenteil die Rede sei, liege das auch an der wachsenden Transparenz: Bei zigtausend Spielen, die 98 066 Kinder- und Jugendteams in Deutschland Woche für Woche austragen, sind soziale Medien stets sendungsbereit. Von Exzessen wie in Stuttgart oder Kaiserslautern hätte noch vor zehn Jahren allenfalls die Lokalpresse Wind bekommen. Dank Smartphone kann jede Abweichung von der Norm in Echtzeit durchs halbe Land gehen. Trotzdem, sagt Freis, schraube "langfristiges Erfolgsdenken vieler Eltern und Trainer die Erwartungshaltung höher". Auch, und das ist dann doch neu, bei den Kleinsten.

Ein Lehrbuch des Deutschen Fußballbundes erklärte "ergebnisorientierte Kinder- und Jugendarbeit" bereits vor dem Sommermärchen zur "Ursache vieler Fehlentwicklungen". Anders gesagt: Wer schon bei Kleinkindern Siegeswillen sät, erntet bei Teenagern rasch Verbissenheit. Und die vergiftet das Klima auf dem Platz und am Spielfeldrand. Um es wieder zu entgiften, fahren zum Beispiel 30 DFB-Mobile durchs Land, mit denen der weltgrößte Sportbund die Trainer der Juniorenabteilungen schult. Ein guter Anfang, wenn man weiß, dass rund 50.000 Betreuer im Jugendfußball ganz ohne offizielle Lizenz trainieren. Wichtiger Teil der Ausbildung: Kindern Freiräume lassen. Eltern zur Räson bringen. Und sich selbst auch.

Weil das in der Hamburger Sternschanze so gut gelingt, schicken viele der gelasseneren Eltern ihre Kinder lieber zum kleinen SC als zum großen angrenzenden FC St. Pauli. Dort wird von Beginn an für die Bundesliga gesiebt. Viola von Düsterlho ist es wichtiger, dass Freunde zusammenbleiben. Auf dass die Spielfreude gewinnt.

Wir haben im Text einen Fehler korrigiert:  Der Jugendtrainer Robert Freis erforschte nicht Trainer- und Elterntypen im Tennis und im Eislauf, sondern im Fußball.