DIE ZEIT: Lehrer gelten neben den Eltern als die wichtigsten Autoritäten im Leben von Kindern. Wie viel Erziehungsmacht haben sie?

Christian Knauer: Der Lehrer ist längst nicht mehr die Autorität, die er mal war. Weder bei Schülern noch bei Eltern. Ich wünsche mich als Pädagoge natürlich nicht in die fünfziger Jahre zurück oder in noch frühere Zeiten, als der Lehrer eine Art Halbgott war, vor dem man zitterte. Heute ist es selbstverständlich, dass Familien zu Hause am Küchentisch ständig meine Arbeit infrage stellen. Eltern wollen zwar, dass die Schule Regeln aufstellt und durchgreift. Aber wenn das eigene Kind gegen diese Regeln verstößt, werden sie auf einmal hinterfragt. Das führt bei Kindern zu so einer "Daddy haut mich da raus"-Mentalität. Wenn bei meinen Eltern früher ein Lehrer angerufen hat, war klar, dass der recht hatte. Heute schreiben mir Mütter bitterböse Mails, weil ich ihren Sohn sanktioniert habe, nachdem der sich danebenbenommen hat.

Senay Kaya: Moment, als Mutter habe ich bereits erlebt, dass Schulen Regeln durchaus drastisch durchsetzen können. Als meine Tochter noch in der Grundschule war, hatten Eltern irgendwann Hausverbot. Wir durften die Kinder nicht mehr bis ins Klassenzimmer bringen oder dort abholen. Das fand ich schon krass.

ZEIT: Klingt, als ginge es eher darum, Mütter und Väter zu erziehen.

Anja Weede-Freitag: Das nicht. Aber ich bin als Lehrerin nun mal wahnsinnig abhängig von den Eltern. Nicht umsonst heißt es: Erziehungspartnerschaft. An meiner Stadtteilschule würde ich mir wünschen, dass Mütter und Väter öfter mal vor dem Klassenzimmer stünden. Es gibt nur wenige, die sich engagieren. Der Großteil ist froh, dass die Kinder in der Schule sind, und fragt nicht weiter nach.

Thomas Neitzel: Das sind alles Beispiele dafür, dass es oft an der Kommunikation zwischen Eltern und Lehrern hapert. Die ist aber notwendig, damit diese Erziehungspartnerschaft zwischen Elternhaus und Schule funktioniert. Als Vater weiß ich, dass man es häufig unheimlich schwer hat, überhaupt einen Fuß in die Schule hineinzubekommen.

ZEIT: Woran liegt das? Haben Sie Angst vor den Eltern, Herr Knauer?

Knauer: Aber nein, ich möchte schon auf einer Vertrauensbasis und kooperativ mit den Eltern zusammenarbeiten. In rund 90 Prozent der Fälle klappt das übrigens sehr gut. Doch mir ist eben auch wichtig, dass Mütter und Väter verstehen, dass sie manchmal über das Ziel hinausschießen. Dass sämtliche Eltern ihre Kinder im Klassenraum abliefern, bis zum Platz bringen und am liebsten noch während der ersten Stunde dableiben würden – das geht nicht. Früher haben Eltern der Schule vertraut. Wenn sie nichts Negatives gehört haben, war alles in Butter. Heute wollen sie ständig alles wissen und hinterfragen viel mehr.

Neitzel: Wie bitte? Für Eltern ist es sehr schwer, die Arbeit der Lehrer, also deren Bildungs- und Erziehungsauftrag, zu hinterfragen. Lehrer ziehen sich da ganz oft zurück und sagen: "Ich bin hier der Profi, und die Eltern sind die Berufsfremden." Über Themen, die den Unterricht betreffen, die Unterrichtsgestaltung oder die Benotung lassen sie Gespräche oft gar nicht erst zu. Da wird mit der pädagogischen Freiheit argumentiert. Die Eltern sind damit im Prinzip raus. Man kann eigentlich nur über sein Kind reden, aber weniger über die Frage: Welche Qualität hat der Unterricht? Sind das die richtigen Methoden? Lernen die Kinder genug?

Kaya: Wenn ich als Mutter frage: "Wieso schreiben die Kinder in der vierten Klasse noch immer nicht mit dem Füller?", dann fühlen sich Lehrer sofort angegriffen. Solche Fragen sollten doch erlaubt sein. Wenn ich ein Problem ansprechen will, dann muss es möglich sein, auch mal vor oder nach dem Unterricht mit der Lehrerin zu sprechen. Ohne dass ich mir überlegen muss: Darf ich da jetzt rein oder nicht?

Weede-Freitag: Das sollte nicht passieren, dass Eltern Angst haben zu kommen. Wir brauchen jeden, der sich engagieren will. Hätten wir nicht die wenigen sehr aktiven Eltern, wäre an unserer Stadtteilschule vieles gar nicht möglich.

ZEIT: Und wie sollten Eltern idealerweise Kontakt mit der Schule aufnehmen?

Knauer: Auf jeden Fall nicht, indem sie direkt zu mir als Leiter der Mittelstufe rennen. Das passiert häufig, dass Eltern gleich so eine Art Drohkulisse aufbauen. Ich sage dann: "Reden Sie zuerst mit dem Kollegen selbst!"

Kaya: Wie denn? Die Mathelehrerin meiner Tochter sagt, sie möchte weder angerufen noch angeschrieben werden. Wir haben keine Telefonnummer, keine Mailadresse von ihr.

Knauer: Aber Sie haben doch sicher die Möglichkeit, im Sekretariat eine Nachricht zu hinterlassen?

Neitzel: Ich finde es ein Unding, wenn Lehrer sagen: Rufen Sie im Sekretariat an, meine Nummer bekommen Sie nicht! So was geht gar nicht.

Knauer: Ich finde das ganz normal.

Neitzel: In der Arbeitszeit von Lehrern ist die Zeit, die sie mit Elterngesprächen verbringen, bereits mit eingerechnet. Ich kann nicht begreifen, weshalb Lehrer sich dem einfach verweigern.

Knauer: Ich möchte um 21 Uhr einfach nicht mehr mit Eltern diskutieren, warum ihr Kind eine Vier in der Arbeit hat. Dazu bin ich nicht bereit. Ich rufe Eltern gerne an, wenn sie ein Gespräch wünschen, aber die Uhrzeit bestimme ich dann. Ich denke nicht, dass ich mich in meiner Privatwohnung permanent verfügbar halten muss.

Neitzel: Eltern haben gewöhnlich doch auch Besseres zu tun, als ständig beim Lehrer anzurufen. Sie melden sich, wenn etwas zu klären ist, und darüber sollte man sich als Lehrer nicht beschweren.

Weede-Freitag: Für mich ist es vollkommen selbstverständlich, Eltern meine Privatnummer zu geben. Manchmal ist ein Anliegen so dringend, dass Mütter und Väter sofort eine Antwort brauchen. Das kann ich verstehen. Diesen direkten Draht anzubieten ist mir wichtig. Auch weil viele Eltern an unserer Schule andere Möglichkeiten, Kontakt aufzunehmen, nicht immer nutzen. Sie kommen nicht zum Elternabend, obwohl sie nette Einladungen erhalten, und wir versuchen, sie mit Grillen oder sonstigen Späßen zu locken.