Textem ist ein kleiner Hamburger Verlag, der auf wohltuende Weise dem Größenwahn zuneigt. Ein besonders schönes Beispiel ist dafür der Stimmungsatlas in Einzelbänden. Hinter dem programmatisch sperrigen Titel verbirgt sich eine Essay-Reihe, die in Zeiten von Schnelldenkern und twitternden Pointen-Produzenten die universalhistorischen Wissensbestände neu kartografieren und ihr progressives Potenzial erschließen will.

Mittlerweile sind 15 Bände erschienen, alle sehr unterschiedlich in der Herangehensweise: Angst von Thomas Gann ist grundsolide Literaturgeschichte, Verkrampfung von Armin Chodzinski wildes Denken, Arglosigkeit vom Theaterautor und Regisseur Kevin Rittberger eine Folge furioser literarischer Fragmente.

Zuletzt ist zum Buchstaben D Le Dandysme erschienen, von Friedrich Wolfram Heubach, der lange an der Kunstakademie Düsseldorf Psychologie gelehrt hat. Der Autor schreibt vorweg, der Dandysme sei keine Stimmung, stehe also zur Reihe, in der er erscheint, "wie der Dandy zum Mitmenschen".

Das ist schön, weil auch der Verlag, in dem das Buch erscheint, sich zu anderen Verlagen so verhält. Textem bringt in seinem schrägen Kunst- und Literaturprogramm schon mal Bände heraus, die verstiegen zu nennen eine Untertreibung wäre. Aber manches erweist sich als das, was später alle mal lesen, wie im Fall von Frank Witzel, der Jahre nach seinem Textem-Auftritt den Deutschen Buchpreis bekam, oder Thomas von Steinaecker, der zweimal knapp an diesem Preis vorbeischrammte.

Passend zum Thema macht Le Dandysme optisch viel her. Wer den auberginefarbenen Band aus der Jackett-Tasche hervorzaubert, wird alle Smartphones ringsum blass aussehen lassen. Aber natürlich geht es dem Autor gerade nicht um Optik. Dass der Dandy vorwiegend ein Ereignis der Herrenoberbekleidung sei, gegen diese Idee schreibt Heubach an. Er zitiert den französischen Dichter Charles Baudelaire, dessen zentrale Bestimmung des Dandys lautete: "er muss leben und schlafen vor einem Spiegel". Für Heubach steckt aber in diesem Programm kein Narzissmus, keine Vergötterung des eigenen Selbst, sondern die Vernichtung des Ichs. Vor dem Spiegel leben und schlafen heiße sich selbst als ein fremdes Ding betrachten, jederzeit Distanz schaffen zu den spontanen, scheinbar natürlichen Regungen und Gefühlen dieses Selbst.

Warum tut der Dandy das? Warum diese Kälte und Indifferenz der eigenen Person gegenüber? Heubach sieht darin einen ästhetischen Gewinn: Das Ergriffensein im üblichen Selbstgenuss sei dem Dandy schlicht zu billig. In der Distanz hingegen zu sich selbst komme das Subtile und Exquisite ins Spiel und "verwandelt das naive Gefühl in eine mit Bedacht zu goutierende Komplikatesse".

Ebenso kühn wie die Wortwahl ist Heubachs Gedankenflug. Er belässt es nicht bei ästhetischen Fragen, sondern vertieft sein Thema psychologisch und gesellschaftspolitisch. Schließlich wird der Dandy bei ihm zu einem Helden der Moderne, der sich dem Unheil stellt, das die Gesellschaft nur allzu gern verdrängt: den verdinglichenden Kräften des Kapitalismus. Statt nur ihr Opfer zu sein, nutzt er diese Kräfte willentlich zu seiner Gestaltung. Was den anderen Schicksal ist, wird bei ihm Stil.

Das ist alles sehr anregend. Schade nur, dass Heubach eine alte Schwäche des Dandys fortschreibt. Denn bislang lebte der Dandy, wie ihn die Literatur tradiert und skizziert hat, immer aus dem Bewusstsein heraus, es gebe in der Welt ein paar wenige Wissende und einen verblendeten großen Rest. Bei Heubach firmiert dieser Rest unter Namen wie "Heinz und Trude", die mit "ihrer Selbstverwirklichung" oder ihrer "ermäßigten, zum Sozialtarif angebotenen Menschlichkeit" hausieren gingen. Bei Nietzsche war ein solcher aristokratischer Radikalismus noch schockierend. Mittlerweile ist er bloß noch angestaubt. Unsere ausdifferenzierte, hoch individualistische Gesellschaft ist damit ohnehin nicht zu begreifen.

Wenn also der Dandy mehr sein soll als eine Figur des Archivs, dann muss er jenseits der billigen Aufteilung der Welt in die wenigen und die vielen operieren. Das wäre eine "Komplikatesse", die zu goutieren der Dandy eigentlich wie gemacht scheint.

Friedrich Wolfram Heubach: Le Dandysme. Textem Verlag; 167 S., 16,– €