Nun ist das Goldene Zeitalter des Fernsehens in die Phase eingetreten, in der Serien-Macher die Erzählstruktur durch den Schredder drehen, um sie als farbiges Konfetti den Zuschauern ins Gesicht zu ballern. Zurück bleiben Verwirrung und Begeisterung, die einen tagelang verfolgen, nachdem man Legion gesehen hat, die Geschichte des David Haller, dessen Wahnsinn die Serie in labyrinthischen Verästelungen nachbildet.

David (Dan Stevens) ist in der Psychiatrie eingesperrt, wo sie auftaucht: Syd Barrett (Rachel Keller). Boy meets Girl, nur dass Girl nicht will, dass man sie berührt. Bei einem forcierten Abschiedskuss (Nein heißt nein, David!) zeigt sich, dass das keine Psychose ist. Denn David und Syd landen im Körper des jeweils anderen, worauf Syd im Körper von David von einer mysteriösen Widerstandsbewegung entführt und David von einer noch grimmiger wirkenden Regierungsorganisation eingebuchtet wird, die hinter Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten her ist. Denn die beiden sind nicht verrückt, sondern sie haben Superkräfte. Man kennt solche Superheldengeschichten: Legion basiert auf einer Figur des Comic-Universums der X-Men.

Deren Charaktere haben nichts von der weichgespülten Perfektion eines Superman, sondern turnen sich seit den sechziger Jahren durch alle sozialen Konflikte von Homophobie bis Rassismus. Die Figur David Haller etwa nennt sich Legion, wie der biblische Dämon, der, nach seinem Namen gefragt, antwortete: Legion, denn wir sind viele. Viele Persönlichkeiten schlummern in Davids Hirnwindungen. Dieser Antiheld war den Comic-Zeichnern selbst so ungeheuer, dass sie ihn schnell wieder verschwinden ließen. Nun bringt ihn Noah Hawley ins Fernsehen, der zuvor eine Serien-Version des Coen-Brothers-Films Fargo verantwortete. Als man ihm anbot, eine Superheldengeschichte zu adaptieren, wählte er Legion, um mit dessen Irrsinn das lahme Superheldengenre auflockern zu können. Die Wahrnehmung seiner Figur wird da nämlich zum ästhetischen Prinzip: Die Geschichte ist so fragmentiert erzählt, wie es Davids von Psychopharmaka und Verdrängung zertrümmerte Erinnerung ist.

Über allem schwebt der Geist Stanley Kubricks: Die Klinik nennt sich Clockwork, orange dominiert die knallbunte Welt, Musik und Kostüme scheinen aus den psychedelischen siebziger Jahren zu kommen. Dazu explodieren Küchen in Zeitlupe, Patienten tanzen bollywoodhaft zu Serge Gainsbourg, und lange Actionszenen gehen ohne Schnitt vonstatten, wie um zu signalisieren: Hier ist Realität! Nur ist man sich nach diesem Trip nicht mehr ganz sicher, was das nun sein soll, Realität.

"Legion" läuft in Deutschland auf dem Bezahlsender Fox.