Die Macht der mexikanischen Esskultur liegt auch dem Verleger Diego Rabasa am Herzen. Er lädt in das belebte Restaurant Parnita in Roma Norte. Rabasa, Jahrgang 1980, verwilderter Hipster-Vollbart, ist Mitgründer des unabhängigen Verlags Sexto Piso, der junge mexikanische Autoren wie Valeria Luiselli, aber auch Romane von Rainald Goetz und Thomas Mann herausbringt. "In Mexiko gab es schon immer Korruption, aber unter der jetzigen Regierung hat sie wahrhaft ekelerregende Ausmaße angenommen", sagt er kauend. Selbst in Mexiko-Stadt, das von der New York Times kürzlich zum besten Reiseziel weltweit gewählt wurde, und auch in den hippen Vierteln wie Roma Norte und Condesa würden inzwischen die mächtigen Drogenkartelle ihre Geschäfte arrangieren – und nicht davor zurückschrecken, Gegner zu exekutieren.

Im Rückblick werde das jetzige Geschehen in Mexiko mit den vergangenen Diktaturen in Chile und Argentinien verglichen werden, da ist sich der Verleger sicher. Er zähle – außer auf die mexikanische Küche – nur noch auf die Kunst und die Literatur. Wie viele Kunstkollektive und Magazine seien allein in den vergangenen Jahren entstanden! Mit anderen unabhängigen Verlegern will Rabasa in diesem Herbst eine Buchmesse auf einem öffentlichen Platz organisieren und die Bücher dann mit Trucks bis in die Slums der Stadt verbreiten. Der Wunsch nach Bildung dort sei enorm. In Iztapalapa, einem der ärmsten und gewaltverseuchtesten Viertel der Stadt, hätten sich die Menschen mit einem selbst gegründeten Gemeindezentrum, mit Theater und Tanz wieder aus der Gewalt- und Armutsspirale herausgearbeitet. Hier lebt er noch: der alte europäische Traum von der Verbesserung der Welt durch Bildung, Bücherlesen und Stadttheaterbesuche, von dem der Westen sich gerade verabschiedet.

Auch Elena Fortes glaubt fest an den politischen Wandel durch Kultur. Und hält das keineswegs für naiv. Nein, nein, sagt sie energisch. Ein gutes Beispiel sei der Dokumentarfilm Presunto culpable, "Mutmaßlich schuldig", von 2008 gewesen, der den Kampf eines unschuldig wegen Mordes verurteilten Mannes für seine Entlassung aus dem Gefängnis zeigt. Als der Film in die mexikanischen Kinos kam, brach er alle Zuschauerrekorde – und führte letztlich zu einer Reform des Justizsystems. Selbstverständlich war der Film zuerst bei Ambulante gezeigt worden, dem Dokumentarfilmfestival, das Elena Fortes elf Jahre lang geleitet hat. "Unser Festival funktioniert wie eine Epidemie", sagt Fortes, lacht optimistisch und gestikuliert mit der Faust, als müsse sie Nägel einschlagen: "Wir zeigen die Filme nicht nur in Mexiko-Stadt, sondern in 33 Gemeinden überall verteilt in den Provinzen."

Als Nächstes will Fortes übrigens einen großen Film über Korruption und Straflosigkeit produzieren. Ob auch dieser Film Mexiko verändern kann? Man staunt über den zuversichtlichen Messianismus der mexikanischen Künstler inmitten einer scheinbar unlösbaren Krise. Die Präsidentschaft Trumps ist für sie nur eine weitere Krise unter vielen – doch sie könnte jetzt zu einem neuen Signal des Aufbruchs werden.

Muss man sich Sorgen machen um Diego Rabasa und all die anderen engagierten Künstler und Schriftsteller, die dieses Land verändern wollen? Könnten auch sie Opfer der Gewalt werden, so wie vor ihnen Tausende widerständiger Mexikaner? Die herrschende Politikerklasse werde mit allen Mitteln für ihren Machterhalt kämpfen, warnt der Verleger Diego Rabasa: "Sie haben viel zu verlieren. Nicht nur die Macht und das unterschlagene Geld, sondern auch ihre Freiheit."

Hoffnung machen all die kleinen Gesten der Solidarität, der gegenseitigen Hilfe, die man hier auf den Ausstellungseröffnungen, Diskussionsveranstaltungen und Kunstmessen erlebt, all die Weiterempfehlungen, sorgenden Nachfragen und Kooperationen, die in den Künstlerkreisen von New York, London oder Berlin fremd anmuten würden. Als Diego Rabasa nach dem gemeinsamen Mittagessen in sein Büro aufbrechen will, braucht er noch eine halbe Stunde, bevor er sich mit allen zufällig vor dem Restaurant vorbeilaufenden Mitstreitern ausgetauscht hat und sich dann alle kräftig minutenlang umarmt haben.