Angela Rinn ist habilitierte evangelische Theologin, Mitglied der EKD-Synode und Pfarrerin in Mainz-Gonsenheim. Unter dem Namen Vera Bleibtreu schreibt sie Krimis. © Harald Oppitz/KNA

Unser Staatstheater in Mainz hat "Die Physiker" ins Programm genommen. Gefühlt 99 Prozent aller Gymnasiasten von Mainz und Umgebung werden wohl von ihren Lehrerinnen und Lehrern in unser Kleines Haus geschleust werden. Eine ganze Reihe von ihnen war auch schon bei der Premiere anwesend, und so mischte sich viel junges Volk unter das vertraute Bild der Premieren-Abonnenten. Eigentlich finde ich das richtig gut, man kann meiner Ansicht nach nicht früh genug damit anfangen, die Leidenschaft fürs Theater zu entwickeln. Im Übrigen kann ja bekanntlich ein Komödiant einen Pfarrer lehren, sodass die Initiative unseres Intendanten auch den Nachwuchs meiner Landeskirche sichern könnte.

Merkwürdig fand ich nur, dass eine ganze Reihe der jungen Damen aussahen wie Klone der Kardashian-Familie: mit Glätteisen getrimmte Haare, knallrote oder dunkelbraune Lippen, riesig geschminkte Augen, Lederleggings oder Pseudo-Leder-Leggings, Echt- oder Falschpelzmantel und die obligatorische (bei den Mädels in unserem Staatstheater vermutlich gefälschte) Louis-Vuitton-Handtasche. Sogar der stets etwas gelangweilte Gesichtsausdruck des amerikanischen Reality-Stars war perfekt nachempfunden.

Zunächst habe ich ja vermutet, dass die Mädchen ein Teil der Inszenierung des Theaters seien. Aber sie waren echt. Jedenfalls so weit man echt sein kann, wenn man aussieht wie Kim Kardashian reloaded. Ich habe dann später meinem Sohn davon erzählt und – etwas nachsichtig – gemeint, dass jede Generation offenbar in der Zeit der Spätpubertät modische Todsünden begeht, die man später am besten vergisst. Im Blick auf meine Jugend fallen mir die Minipli-Dauerwelle und Schulterpolster ein, mit denen man locker jeden Türrahmen ausfüllen konnte.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Aber mein Sohn kennt bei dem Kardashian-Look keinerlei Erbarmen. "Die sehen schrecklich aus, richtig nuttig", befindet er. "Ich find’s einfach nur hässlich. Vor allem die Lederleggings." Sein Kommentar ist hart, aber im Stillen muss ich ihm zustimmen. Auf der anderen Seite kann ich mich noch gut an das Jahr 1990 erinnern. Da kam "Pretty Woman" heraus. Zu meiner Entschuldigung kann ich noch nicht mal die Pubertät anführen, die hatte ich zu diesem Zeitpunkt lange hinter mir. Trotzdem rannte ich wie Millionen anderer Frauen zum Friseur und ließ mir diese Julia-Roberts-Dauerwelle verpassen und kaufte diese Overknee-Stiefel, in denen man genauso halbseiden aussieht wie in Lederleggings. Nun ja, Julia Roberts spielte im Film schließlich auch eine Bordsteinschwalbe. Leider sah ich im Ergebnis weder so gut aus wie die Schauspielerin, noch kam Richard Gere für mich um die Ecke. Es gibt Beweisfotos aus dieser Zeit, die mich mit tiefer Dankbarkeit gegenüber meiner Landeskirche erfüllen, da diese mich trotz dieses Outfits nicht aus dem Pfarrdienst geworfen hat.