Um den Hamburger Rundfunkjournalisten und Musiker Michael Naura zu würdigen, reicht etwas Kurzes nicht aus. Aber selbst eine Zeitungsseite wäre zu wenig. Denn Naura war ein Kraftkerl, der schon zu Lebzeiten jedes Format sprengte. Jazzpapst nannten sie ihn – auch deshalb, weil er so herrlich zu zürnen verstand.

Alle Radiohörer in Norddeutschland kannten ihn, jahrzehntelang zählte er zu den prominentesten Stimmen des NDR. Warm und tief sprach er aus der Fülle des Leibes. Sein Timbre schwingt bis heute im Ohr.

In Hamburg kannte man ihn auch vom Sehen, weil er die von ihm ausgerichteten Konzerte des NDR Jazzworkshop präsentierte. Ein bärtiger Weißhaariger mit Schal, lässig elegant. Er feierte die Klänge wie das Leben, manchmal mehr, als ihm guttat.

Jenseits des Senders trat er als Pianist auf. Jazz und Lyrik brachte er zusammen, einfühlsam, ja nachgerade zart, mit Wolfgang Schlüter am Vibrafon und Peter Rühmkorf an den Gedichten.

Drei Jahrzehnte lang schrieb er zudem in der ZEIT. In einem späten Beitrag berichtete er 2004 von nächtlichen Selbstgesprächen mit Miles Davis. "Miles, gib mir mal eine Zigarette", würde er dann sagen, zum Schrecken seiner neben ihm ruhenden Frau. "Zu meiner Entschuldigung sage ich nur, wenn mir Miles im Schlaf entgegentritt, dann ist das ein Beweis für meine tiefe Verinnerlichung des Trompeters. Er ruht sozusagen in mir. Ich bin seine Gruft."

Einmal, vor einer Ewigkeit, durfte ich eine Radiosendung für Michael Naura machen, das Porträt einer japanischen Jazzmusikerin, die er nicht kannte, aber interessant fand. Offen war er nämlich auch. Ihm gefiel das Manuskript, nun sollte ich es einsprechen. Er hörte mir kurz zu, fuhr dann dazwischen und forderte mehr Lebendigkeit im Vortrag. Ich tat, was ich konnte, aber ich war nicht lebendig genug. Naura setzte sich ans Klavier, das im Studio stand, und rief: "Wissen Sie, wie sich das anhört?" Ich sah ihn stumm an. "So", rief er und hämmerte mit einem Finger fortwährend auf eine Taste. "Und wissen Sie, wie es sich anhören muss?" Und dann griff er mit beiden Händen in die Breite der Tastatur und spielte einen Naura, einen Monk, einen Brubeck, ich weiß es nicht mehr. Die Noten flogen mir nur so um die Ohren.

Michael Naura machte Radio zu einer Zeit, da es noch mehr ums Gute, Schöne, Wahre ging als um das Medium als Ware. Millionen Hörern hat er den Jazz nahegebracht. Zuletzt lebte er zurückgezogen in Nordfriesland. Am Montag ist er im Alter von 82 Jahren gestorben.