In den vergangenen Wochen erschien an dieser Stelle ein Schlagabtausch darüber, ob Kampagnen zur Förderung von Mädchen in Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern nützlich sind. Der Wirtschaftsprofessor Mathias Binswanger vertrat die These, dass Mädchen sich weder für Mathematik und Naturwissenschaften interessieren noch die Begabung dafür haben. Die ZEIT-Redakteurin Jana Gioia Baurmann konterte, dass Jungen und Mädchen gleichermaßen gut in Mathe sein könnten. Nicht die Biologie sei das Problem, sondern die Gesellschaft. Und dass die Pisa-Daten – anders als von Professor Binswanger interpretiert – die These von der genetischen Determinierung durchaus widerlegen würden. Das stimmt.

Binswanger unterliegt allerdings noch einem weiteren Fehlschluss: Die Pisa-Studie untersucht die Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern, nicht den Erfolg von Kampagnen oder Fördermaßnahmen. Ein Blick in die psychologische und bildungswissenschaftliche Forschung dagegen zeigt, dass gezielte Maßnahmen zur Förderung von Kindern sehr wohl positive Auswirkungen auf deren Interessen und Leistungen haben können. Das gilt übrigens nicht nur für Mädchen. In einem kürzlich in der Zeitschrift Science publizierten Artikel belegen die Verfasser, dass sich Geschlechterstereotype, die auf die Intelligenz abzielen, bereits im Alter von fünf bis sechs Jahren entwickeln. Das heißt: Je früher die Maßnahmen ansetzen, desto größer ist die Aussicht auf langfristige Erfolge.

Dabei können diese Maßnahmen recht simpel konzipiert sein, wie zwei US-amerikanische Entwicklungspsychologinnen 2010 zeigten: Sie baten Erzieherinnen, die Kinder in den von ihnen betreuten Gruppen zwei Wochen lang bewusst nach Geschlecht zu unterscheiden. Jeden Morgen begrüßten die Erzieherinnen ihre Kinder mit "Liebe Jungen und liebe Mädchen" und teilten sie bei Gruppenarbeiten nach Geschlechtern auf. Als Kontrollgruppe dienten Kindergartengruppen, deren Erzieherinnen diese Unterscheidung bewusst vermieden. Schon nach zwei Wochen konnten die Forscherinnen feststellen, dass die Kinder der ersten Gruppe viel seltener mit Kindern des anderen Geschlechts spielten, als sie es vor der Intervention getan hatten. In der Kontrollgruppe fanden die Forscherinnen diesen Effekt nicht.

Mit wem und womit Kinder spielen, entscheidet darüber, welche Fähigkeiten sie sich aneignen und welche Interessen sie entwickeln. Diese Fähigkeiten und Interessen wiederum beeinflussen später maßgeblich die akademische und berufliche Laufbahn der Kinder.

Nicht nur Mädchen, auch Jungen können von Maßnahmen zur Förderung von Geschlechtergerechtigkeit profitieren. Vor zwei Jahren haben Bildungsforscher von der FU Berlin Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren Berufe vorgestellt – und zwar solche, die als typische Männer- oder Frauenberufe gelten: Ingenieur oder Kosmetikerin zum Beispiel. Während die eine Hälfte der Kinder die Berufsinformationen mit der männlichen und weiblichen Form erhielt (Ingenieur oder Ingenieurin), bekam die andere Hälfte lediglich die männliche Form. Das Ergebnis war zunächst wenig überraschend: In einem als typisch männlich geltenden Beruf trauten sich die Jungen eher zu, erfolgreich zu sein, als die Mädchen. Wurde ein Beruf in geschlechtersensibler Sprache, sprich sowohl in männlicher als auch in weiblicher Form, präsentiert, sank sein wahrgenommener Status: Die Kinder glaubten dann, dass der Beruf weniger Geld und Anerkennung bringe.

Die Studie brachte aber auch überraschende Ergebnisse zutage: Die Kinder, bei denen die weibliche und die männliche Berufsbezeichnung verwendet wurde, bewerteten die Berufe als signifikant weniger schwierig als jene Kinder, die nur die männliche Form kannten. Sie trauten sich dadurch eher zu, den Beruf später einmal selbst zu ergreifen. Und dies galt gleichermaßen für Jungen wie für Mädchen. Gendersensible Sprache im Unterricht kann also Mädchen und Jungen helfen.