Was die Polen fürchten, haben die russischen Streitkräfte bereits geübt: Angriffe mit Kurzstreckenraketen und Marschflugkörpern.

"Diese Raketen könnten auch Nuklearsprengköpfe tragen", sagt Jacek Durkalec, Nuklearspezialist am Polnischen Institut für internationale Beziehungen. Der Mann hat Grund zur Sorge: Die russische Armee hat in jüngster Zeit zahlreiche solcher Raketen in Kaliningrad stationiert. 300 Kilometer sind es von der russischen Enklave an der Ostsee bis Warschau. Mit ihrer Reichweite von knapp 500 Kilometern könnten die Iskander-Raketen Polens Hauptstadt treffen.

Solche Szenarios galten lange Zeit als rein hypothetisch. Denn es gab ja das mächtige Nato-Bündnis mit seinen wechselseitigen Beistandsverpflichtungen, dem nuklearen Schirm der USA – und damit eine glaubwürdige Abschreckung. Doch der neue US-Präsident Donald Trump hat in gerade mal zwei Sätzen das Vertrauen der Europäer in die nukleare Schutzgarantie der Supermacht zertrümmert: "Die Länder, die wir verteidigen, müssen dafür bezahlen. Tun sie das nicht, müssen die USA bereit sein, diese Länder sich selbst verteidigen zu lassen", lautet der eine. Der andere: "Die Nato ist obsolet." Zwar beteuerte Trump zugleich, die Nato sei "sehr wichtig". Doch seine Doppelzüngigkeit und sein von keiner Grundüberzeugung geprägtes Drauflosplappern reichen aus, neben dem Vertrauen der Europäer noch etwas anderes zu zerstören: die Befürchtungen der Russen, dass Gleiches in jedem Fall mit Gleichem vergolten wird. Eine Zäsur in der Nuklearpolitik.

Jarosław Kaczyński, Chef der Regierungspartei PiS und Polens starker Mann, fordert als Antwort auf die veränderte Bedrohung seines Landes nicht weniger als eine neue nukleare Weltordnung – und eine europäische Aufrüstung: "Eine eigene Atommacht müsste mit Russland mithalten können", sagte er der FAZ. Mit diesem Vorstoß zerrte der zu radikaler Rhetorik neigende Kaczyński ein Thema ans Licht der Öffentlichkeit, das auch besonnene Europäer umtreibt. Behutsamer, aber keine Option ausschließend, formuliert es EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker: "Wenn sich Europa nicht um seine eigene Sicherheit kümmert, wird es niemand anderes für uns tun."

Muss Europa atomar aufrüsten, wenn Donald Trump den Nuklearschirm zuklappt? Worauf beruht Europas Abschreckung der Zukunft? Diese Debatte ist nun eröffnet – und mit der Münchner Sicherheitskonferenz diese Woche wird sie Fahrt aufnehmen. In Deutschland wird sie bisher verdrängt. Auch weil Wahljahr ist. Wer den Deutschen da mit der Idee kommt, Europa müsse nuklear aufrüsten, braucht gar nicht erst anzutreten – davon sind die Wahlkampfstrategen überzeugt. Doch der Druck ist so groß, dass Schweigen keine Antwort mehr ist. Gerade nichtnukleare Staaten wie Deutschland geraten in ein tiefes Dilemma, sollten die USA nicht mehr bedingungslos für sie einstehen. Die Wucht der Nukleardebatte wird die Politiker dazu zwingen, sich zu positionieren.

"Wir könnten, wenn wir wollten" – das ist der nukleare Konjunktiv, die schreckliche, abschreckende Botschaft der Atomwaffe. "Wir könnten, wenn wir wollten" war mehr als 70 Jahre lang, vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis heute, der Garant dafür, dass sich Spannungen zwischen Ost und West nie in einem offenen Krieg entluden. Jeder Versuch, den Gegner zu vernichten, würde mit der eigenen Vernichtung enden.

Nukleare Abschreckung braucht zwei Dinge: Hardware und Software. Einerseits atomare Raketen, Bomben und Marschflugkörper. Andererseits das Vertrauen der Verbündeten, dass die Garantie im Ernstfall gilt. Ein großes Versprechen, das für die Europäer Sicherheit zum Spartarif lieferte. Unter dem US-Schutzschirm versammelten sich all jene Nato-Partner, die keine Atomwaffen haben: wie Deutschland, Spanien, Italien, die Türkei, seit 2004 auch Polen und die baltischen Staaten. Deshalb war es vor Trump auch nur halb so bedrohlich, was sich östlich der Nato-Grenzen tat.

Präsident Wladimir Putin hat die Nuklearwaffen neu entdeckt und sie vom letzten Mittel der Verteidigung zur taktischen Waffe im Krieg erklärt. Die Militärdoktrin von 2013 sieht den möglichen Einsatz von Nuklearwaffen nicht erst bei einem feindlichen atomaren Angriff vor, sondern schon in einem konventionellen Krieg, der für Russland existenziell zu werden droht. Moskau baut auf Nuklearwaffen als integralen Teil seiner Militärstrategie, während der Westen sie weiterhin als letztes Mittel sieht. Russland spielt mit atomarer Unberechenbarkeit.

Nukleare Sprengköpfe

SIPRI, Stand: Januar 2016 © ZEIT-Grafik

Vertrauenskrisen gab es schon im Kalten Krieg. Als die Sowjetunion in den 1970er Jahren begann, SS-20-Mittelstreckenraketen in Europa zu stationieren, befürchtete Kanzler Helmut Schmidt, dass die Abschreckung der Amerikaner durch Langstreckenraketen nicht glaubwürdig sei. Zweifel am nuklearen Konjunktiv kamen auf: Wollten die Amerikaner im Ernstfall wirklich noch? In einer Rede in London 1977 forderte Schmidt Gegenmaßnahmen der Nato. Zwei Jahre später folgte der Nato-Doppelbeschluss: Nachrüstung mit Pershing-II-Raketen und Marschflugkörpern in Westeuropa und ein Abrüstungsangebot an die Sowjets. Die Abschreckung funktionierte – und am Ende wurden alle Raketen abgerüstet.