Nie war die Erotik derart umstellt von Gefahrendebatten, in denen Akteure aus Medien, NGOs und der übrigen Öffentlichkeit erregt mitmischen. Die Quelle sexueller Gefährdungen scheint unerschöpflich. Seit den neunziger Jahren werden im Prozess fortwährender Problemgewinnung immer neue sexuelle Großrisiken in die aufgeheizte öffentliche Stimmung gestreut. Jede weitere Problemzulieferung inszeniert sich dabei erneut als mutiger Schritt, ein überfälliges Tabu und ein erzwungenes Schweigen zu brechen.

Ohne Zweifel ist sexuelle Gewalt ein gesellschaftliches und individuelles Problem. Erstaunlich ist jedoch die grundlegende Umdeutung des Phänomens in nur wenigen Jahrzehnten. Dass Sexualität eine überall lauernde und höchste Gefährdung bedeutet, deren voller Umfang sich kaum erahnen lässt, ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Die fortwährenden Klagen über klaffende strafrechtliche "Schutzlücken" zwingen schon die Richtung auf, in der man sich mit dem Thema beschäftigen muss, will man nicht auf der "Täterseite" verortet werden. In den öffentlichen Verlautbarungen gibt es nur noch Gut und Böse. Wer für die Opfer skandalisiert und nach immer härteren Strafen ruft, befindet sich automatisch auf der Seite der Unschuld. Einer, der zweifelt oder kritisiert, wird ins moralische Abseits gerückt. Ein dumpfes Klima der Beklommenheit breitet sich aus. Das nennt man Meinungseinfalt.

Die Botschaft lautet: Übergriffe passieren immer und überall, lauern teils erkannt, größtenteils aber unentdeckt in den Biografien der Individuen, werden ungenügend verhindert oder bestraft. So dynamisiert sich Sexualität zum makrosozialen Krisenherd. Das Strafrecht wird zum Allheilmittel gegen empfundenes Unrecht und geschlechtliche Machtschräglagen. Vom Strafrecht als Ultima Ratio hat man sich hier längst verabschiedet.

Wie aber konnten sexuelle Grenzverletzungen zu einem der drängendsten Probleme in westlichen Gesellschaften aufsteigen? Mir scheinen dafür drei Entwicklungen entscheidend.

1. Die posttraditionale, pluralisierte Gesellschaft büßt an verbindlichen Regeln der sozialen und sexuellen Ordnung ein, die ehemals in den Institutionen (Elternhaus, Schule, Arbeitsstelle, Kirche, Verbände, Gefängnis) vermittelt wurden und Verlässlichkeit stifteten. Jenseits dieser Sicherheit durch Konventionen und Sitte fließt Vertrauen vor allem ins Strafrecht als wirksames Schutzversprechen. Zugleich sind die spätmodernen Subjekte dazu angehalten, sich auf sich selbst zu verlassen. Individualisierung bedeutet, dass sich das ganze Leben weniger an sozialen Vorgaben orientiert, sondern von innen heraus als kreative Aufgabe bewältigt werden muss.

2. Entscheidend ist also jetzt die Persönlichkeit. Die soziale Position wird überwiegend als Ausdruck eigener Fähigkeiten verstanden (als Selbstunternehmer, Ich-AG, Verwalter des Humankapitals). Deshalb richtet sich der Blick auf den inneren Kern des Menschen und dessen mobilisierbare Potenziale. Der Mensch ist nun mit sich selbst beschäftigt und verfällt dem Kult um die eigene seelische und körperliche Gesundheit einschließlich Sexualität. Der innere Kern ist zu behüten, er gilt als verletzlich und schutzbedürftig. Dies führt zu Vereinzelung und gesellschaftlicher Entsolidarisierung. Auf das gesellschaftliche Klima wirkt sich das als chronische Gereiztheit aus: Allenthalben drohen den empfindlichen Einzelkämpfern Schaden, Ungemach und Ungerechtigkeit. Im dauernden Gefühl des Angegriffenseins zeigt sich ein Wandel sozialer Ungleichheit. Bestand diese früher entlang ökonomischer Konflikte, erscheint sie nun kulturell gewendet als Anerkennungsverlangen. Politische Forderungen betreffen heute weniger wirtschaftliche Themen als den symbolischen Status von Individuen. Das Kriminalitätsopfer ist dabei eine prominente Figur, in der sich die Gerechtigkeitserwartung abseits ökonomischer Interessen artikuliert.

3. Die Empfindlichkeit der Subjekte spiegelt sich in einer Relevanzskala von Kriminalität wider. In den Vordergrund rücken jetzt jene Gefahren, die die Psyche oder deren Hülle, den Körper, schädigen könnten. Damit geraten die intimen Delikte ins Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit, neben all den Gewaltdelikten und beleidigenden Adressierungen, die das Subjekt herabsetzen, diskriminieren, belästigen. Sexualdelinquenz wird zur Signalkriminalität. Sie entsteht wesentlich durch die in den Medien thematisierten Kriminalfälle, womit die Anfälligkeit moderner Gesellschaften für Moralpaniken begründet und zugleich bedient wird. Signalkriminalität ist eine Warnung. An ihr lassen sich gefährliche Menschengruppen und Situationen und gefährdete Personen verdeutlichen.Als "Straftaten gegen die Sittlichkeit" war bis 1973 der Sexualabschnitt im Strafrecht überschrieben, bis er vom Gesetzgeber in "Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung" umbenannt wurde, lange bevor dieser Paradigmenwandel der Sexualkultur in der Gesellschaft angekommen war.

Sexuelle Devianz wurde einst als Übertretung der sittlichen Ordnung definiert. Sexualgewalt wurde mithin in einer Mischkonstellation der Schuld gedeutet, in der vor allem Frauen, aber selbst Kindern bei sexuellen Übergriffen eine aktive Rolle zugeschrieben wurde. Die heutzutage als Vergewaltigungsmythen bekannten Deutungen führten dazu, dass Opfer sexueller Gewalt einen schwer zu erbringenden Beweis führen mussten, den gewalttätigen Mann nicht vielleicht doch verführt, wirklich bis zum Schluss Widerstand geleistet oder überhaupt eine Geschlechtsehre besessen zu haben – Letzteres traf für Frauen mit häufig wechselnden Geschlechtspartnern ("hwg", so das Kürzel der fünfziger Jahre) eher nicht zu. Von den Ehefrauen, die qua gesetzlicher Definition von ihren Ehemännern gar nicht vergewaltigt werden konnten, ganz zu schweigen.