Es gibt in der Dramatik ein paar Sätze, die mit so fürchterlicher Anschaulichkeit das Spektakel des Daseins erfassen, dass es einem den Atem verschlägt. Shakespeares Macbeth sagt so einen Satz, als er das Leben einen armen Komödianten nennt, "der spreizt und knirscht / Sein Stündlein auf der Bühn’ / Und dann nicht mehr vernommen wird!". Pozzo in Samuel Becketts Warten auf Godot bringt es auf folgendes Bild: "Sie gebären rittlings über dem Grab, der Tag erglänzt für einen Augenblick und dann von neuem die Nacht." Und am sachlichsten sagt es Kleists Prinz von Homburg: "Das Leben nennt der Derwisch eine Reise, / Und eine kurze. Freilich! Von zwei Spannen / Diesseits der Erde nach zwei Spannen drunter."

Dass Claus Peymann, der Intendant des Berliner Ensembles, zum Ende seiner 17-jährigen Amtszeit den Prinzen von Homburg inszeniert, wirkt wie eine Einladung, seine Arbeit an den Sätzen des Prinzen zu messen. Wie weit hat den Prinzen Claus seine eigene Reise gebracht? Fürchtet er sich vor der Ankunft?

Als Peymann den Applaus des Premierenpublikums entgegennimmt, einen sogenannten "durchwachsenen Jubel", in den sich spürbare Reserve mischt, schlägt er die Hände vors Gesicht, als ertrage er nicht, was nun kommt. Es ist der lebendigste Augenblick der Inszenierung: Dem Prinzipal, der alle Arten von Untergängen kennt, da er sie sein Leben lang furchtlos inszeniert hat, scheint vor seinem Lebensabend zu grauen.

Im Sommer wird Schluss sein. Dann wird der dienstälteste Theaterdirektor des deutschen Theaterlebens und, wer weiß, vielleicht der ganzen Welt kein Intendant mehr sein, was vor allem ihm selbst unvorstellbar sein muss, seit 1974 ist ja dieser nun auf seinen achtzigsten Geburtstag zulebende Mann ununterbrochen Chef, Fürst, König gewesen, erst in Stuttgart, dann in Bochum, dann, Österreich wird’s ihm nie vergessen, an der Wiener Burg – und zuletzt in Berlin.

Peymanns Wirkung als Künstler, als in utopische Gefilde voranstürmende Radikalfigur ist freilich geringer geworden – mit der gesellschaftlichen Relevanz des Theaters schwand auch seine eigene Bedeutung. Von der Alarm- und Festtagsstimmung, mit der noch in Wien jede Peymann-Premiere erwartet worden war, ist in seinen Berliner Jahren nicht mehr viel zu spüren gewesen. Große politische Kämpfe (wie in Stuttgart) und ästhetische Triumphe (wie in Stuttgart, Bochum, Wien) waren nicht zu melden. Auch sein Versprechen, das BE werde "der Reißzahn im Regierungsviertel" sein, blieb, es sei denn, wir haben schwere Bisswunden im Aktenträgermilieu übersehen, uneingelöst.

Aber Peymann lässt sich Enttäuschungen nie anmerken. Darin, so könnte man sagen, folgt er dem Prinzen von Homburg. Die oben zitierte Textstelle von der Lebensreise, die vier Spannen umfasst (vom Anfang knapp über dem Boden bis zum Ende flach unter der Erde), hat eine Fortsetzung, die wie für Peymann gemacht ist. Der Prinz streckt sich nämlich, so Kleist, "nachlässig" auf einem Kissen aus und zieht Behagen aus dem Umstand, dass er von beiden Enden der Reise gleich weit weg ist: "Ich will auf halbem Weg mich niederlassen!" Dies ist auch Peymanns Motto. Im nächsten Jahr fängt er neu an. In Stuttgart wird er Shakespeares Lear inszenieren.