Petra Bahr ist seit dem 22. Januar Landessuperintendantin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Ohne die Reformation wären die USA ein anderes Land. Daran muss einmal kurz erinnert werden. Dorthin flüchteten sie, die "dissenter", all die religiösen Gruppen, die zu Ketzern erklärt wurden. Evangelische Ketzer, wohlgemerkt, von anderen Evangelischen dazu gemacht. Mennoniten, Methodisten, Brüdergemeinden, Calvinisten, Täufer, je nachdem, welcher Fürst gerade das Bekenntnis ausgerufen hat, das in seinem Land gelten sollte, und welcher Prediger besonders eifrig für die reine lutherische oder reformierte Lehre kämpfte. So wurden auch Lutheraner zu Bedrängten oder Reformierte, je nach Machtverhältnissen, zu Flüchtlingen.

Ein vergessenes Kapitel, diese Vertreibung evangelischer Minderheiten überall in Europa. Ganze Dörfer brachen auf, erlebten stürmische Wochen auf dem großen Meer, um im Wilden Westen nach gefährlichen Reisen eine Kolonie zum Siedeln zu finden. Endlich Religionsfreiheit! Dann kamen Juden und Katholiken. Es stimmt nicht, dass nur Hunger und Armut und Abenteuerlust jahrhundertelang Deutsche, Niederländer, Iren oder Italiener ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten lockten. Amerika war das Reich religiöser Freiheit, für verfolgte religiöse Minderheiten. Dass die indigenen Völker auch von diesen religiös Heimatlosen geschmäht und ausgerottet wurden, ist mittlerweile aufgearbeitet. Aber wer erinnert sich noch an die vielen Vertreibungsgeschichten religiöser Minderheiten im Kerngebiet der Reformation?

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Ihre Sehnsucht ist Teil des amerikanischen Mythos. Ihre Nachfahren prägen nicht nur die ganz andere Religionskultur, die in evangelischen Gemeinden heute wahlweise bewundert oder verachtet wird. Der Gründungsmythos der USA erinnert daran, dass die "Freiheit eines Christenmenschen", von der Martin Luther schrieb, 200 Jahre lang in Europa nicht für alle galt. Es sind europäische Glaubensflüchtlinge gewesen, die neue Formen religiöser Freiheit mit neuen Formen demokratischer Kultur verbunden haben. Glaubensflüchtlinge haben Amerika groß gemacht.