Marina Puica ist eigentlich nicht in dem Alter, in dem man sich am Abend bei minus 15 Grad auf die Straße stellt, Schilder hochhält und Schlachtrufe skandiert. Sie arbeitete dreißig Jahre in einer Fabrik, seit sechs Jahren ist sie in Rente. Doch statt es sich daheim gemütlich zu machen, steht sie zurzeit fast täglich stundenlang mitten in einer Menschenmenge auf der zentralen Piața Victoriei in Bukarest, vor dem Regierungssitz. Sie trägt einen schicken Filzhut, ihre Wangen sind gerötet von der Kälte. Mit ihrer Rechten reckt sie ein Plakat in die Höhe: "Rumänien, erwache!"

Es ist der 13. Tag der Proteste. Heute sind 50.000 Leute gekommen. Sie trotzen diesem eisigen Winter, der nicht vergehen will. Es trifft sich hier die städtische Mittelschicht: Programmierer, Banker, Ärzte, Architekten, aber auch Menschen, die jahrzehntelang in Fabriken einer eintönigen, schlecht bezahlten Arbeit nachgegangen sind wie Marina Puica. Sie alle vereint die Wut auf die Regierung.

Denn die wollte eine Eilverordnung beschließen, um die Strafen für Korruption herabzusetzen. Mitten in der Nacht sollte sie beschlossen werden, während die meisten Rumänen schliefen. Geräuschlos sollte das über die Bühne gehen – doch es löste die lautesten Proteste seit 1989 aus. Kaum war bekannt geworden, dass das Kabinett die Verordnung verabschieden wollte, strömten die Menschen in Massen auf die Straßen. "Hotii, hotii" – "Diebe, Diebe!", riefen sie. Am ersten Tag gingen über 600.000 Bürger auf die Straßen Bukarests, hinzu kamen Zehntausende in anderen Städten. Sie marschierten auf, um gegen die sozialdemokratische Regierungspartei PSD zu protestieren.

Die Sozialdemokraten reagierten zunächst so, wie man es eigentlich nur von den früher hier herrschenden Kommunisten kannte: Sie warfen den Demonstranten vor, Hooligans zu sein, vom Ausland gesteuert oder bezahlte Büttel von George Soros, dem amerikanischen Milliardär und Philantropen ungarischer Herkunft. Die Verunglimpften reagierten mit Humor: "Endlich! Es ist uns gelungen, George Soros in den Ruin zu treiben. Er musste 600.000 Gehälter zahlen!" stand auf Plakaten. Zu lesen war aber auch Selbstkritisches: "Ich entschuldige mich, dass ich nicht zu den Wahlen gegangen bin".

In der Tat sind die Rumänen nicht ganz unschuldig an der jetzigen Regierung. Als im vergangenen Dezember über ein neues Parlament abgestimmt wurde, lag die Wahlbeteiligung bei gerade mal 39 Prozent. Die PSD gewann mit knapp der Hälfte der Stimmen. Es war das beste Ergebnis der Partei seit 1990. Durch den Erfolg schien sie sich in Sicherheit zu wiegen.

Das meint jedenfalls der politische Beobachter Ion Ionita. "Wer gewinnt, der kann sich alles erlauben", sagt er. "Diese Vorstellung steckt tief in der DNA dieser Partei." Ein solches Denken ist ein Erbe der Kommunistischen Partei, aus der 1990 die Sozialdemokraten hervorgegangen sind. Wer die Macht hat, ist frei. Ihm kann nichts geschehen. Einer der Profiteure der geplanten Eilverordnung wäre Liviu Dragnea gewesen, der Chef der PSD. Dragnea ist bereits wegen Wahlfälschung verurteilt, jetzt werden ihm Dokumentenfälschung und Amtsmissbrauch vorgeworfen, was ihn hinter Gitter bringen könnte. Die Verordnung hätte ihn vor der möglichen Gefängnisstrafe bewahrt.

Rumänien hat eine historisch bemerkenswerte Protestkultur. In den vergangenen Jahren gingen immer wieder Zehntausende auf die Straße, um gegen Arroganz, Inkompetenz, Anmaßung und Missbrauch mächtiger Politiker zu demonstrieren.

Das ist außerhalb des Landes selten wahrgenommen worden. Die Meldungen über Proteste in diesem scheinbar so fernen südosteuropäischen Land flackerten kurz in den Nachrichten auf, um gleich darauf wieder verschluckt zu werden. Was hängen blieb, war: Rumänien ist durch und durch korrupt, die Bürger wehren sich von Zeit zu Zeit dagegen.

Doch diesmal scheinen die Wut und der Wille zur Veränderung größer zu sein als bisher. "Korruption kennen wir, damit leben wir seit Langem", sagt der Bukarester Soziologe Vintilă Mihăilescu, "außerdem ist es in den letzten Jahren besser geworden. Die interessante Frage ist doch: Warum jetzt diese Massen?"

Ein Teil der Antwort lässt sich bei Marina Puica finden. Sie zählt eigentlich zur klassischen Zielgruppe der Sozialdemokraten. Ihre Stimme bekamen sie trotzdem nicht. Und das obwohl die PSD eine Erhöhung der Renten versprochen hatte, was auch dazu beigetragen haben mag, warum sie die Wahlen gewinnen konnte. Zudem sollten die Gehälter öffentlich Bediensteter angehoben und Studenten höhere Stipendien erhalten.

Aber nicht nur die Mittelklassen, auch die Adressaten dieser sozialdemokratischen Klientelpolitik, Angestellte, Studenten und Rentner, gehen derzeit auf die Straße. Denn wenn sie hotii, hotii rufen, meinen sie nicht nur den Dieb, der klaut, sondern auch den, der nachts in ein Haus eindringt und stiehlt, während alle anderen schlafen. "Wir haben kein Vertrauen mehr in diese Regierung", sagt Marina Puica. Die Herrschenden haben die Regeln des Anstands verletzt. Das treibt die Menschen auf die Straße, das beflügelt sie. "Wir fliegen. Wann fliegt ihr?" steht auf einem der Plakate.