Für die meisten Syrer ist das Wort Saidnaja ein Synonym für Folter und Tod. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat vor Kurzem Verbrechen dokumentiert, die in diesem Foltergefängnis bei Damaskus im Auftrag des Assad-Regimes begangen wurden und werden. Zwischen den Jahren 2011 und 2015 sollen dort bis zu 13.000 Menschen gehängt worden sein – noch mehr dürften an Hunger, Krankheiten oder schlichter Verzweiflung gestorben sein. Der Syrer Diab Serrih hat fünf Jahre in Saidnaja verbracht. Im Gespräch mit der ZEIT berichtet er von den dortigen Zuständen.

DIE ZEIT: Herr Serrih, können Sie sich noch an den Tag erinnern, an dem Sie in das Foltergefängnis Saidnaja gebracht wurden?

Diab Serrih: Soldaten haben mich und meine Mitstreiter direkt von einer Demonstration, die wir damals gegen das Regime organisiert hatten, eingesammelt, ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sie mich gefesselt haben. Sehr streng, sodass meine Hände danach lange schmerzten. Aus einem anderen Gefängnis in Damaskus brachten sie uns später nach Saidnaja. Das war im April 2006. Wir mussten in einen Kühltransporter, in dem normalerweise Fleisch aufbewahrt wird, steigen. Sie haben uns an den Boden gekettet. Ich dachte, dass ich ersticken werde. Es gab nur ein kleines Loch in der Außenwand, durch das etwas Luft hereinströmen konnte. Sie haben uns die Augen verbunden. Wir fuhren etwa eine Stunde, und ich habe irgendwie geahnt, dass sie uns ins berüchtigte Saidnaja-Gefängnis bringen würden. Es gab immer wieder Gerüchte, wie grauenvoll es dort zugehen soll.

ZEIT: Was ist bei Ihrer Ankunft passiert?

Serrih: Die Wärter haben die traditionelle "Willkommensfeier" für uns veranstaltet. So nennen Sie das Folterritual am ersten Tag nach der Ankunft neuer Gefangener. Bei mir dauerte die "Party" zehn Stunden. Sie haben mich mit einem Schraubenzieher überall am Körper malträtiert, mit ihren Stiefeln haben sie mir ins Gesicht geschlagen, immer und immer wieder. Ich musste mich auf den "deutschen Stuhl" setzen – das ist ein Gerät, das wie ein Stuhl aussieht und deinen Körper dehnt, so lange, bis bei einigen Menschen die Wirbelsäule bricht. Man sagt, dass flüchtige Nationalsozialisten diese Foltermethode nach dem Zweiten Weltkrieg nach Syrien gebracht haben. Sie haben jeden von uns so lange geschlagen, gefoltert und vergewaltigt, bis er in Ohnmacht gefallen ist. Dann haben sie uns in Zellen geschleift, die Metalltüren abgeriegelt, die Leute verrecken lassen.

ZEIT: Haben Sie jemals ein faires Gerichtsverfahren bekommen?

Serrih: Nicht wirklich. Ich war einer der wenigen, die zuvor im Gebäude der Staatssicherheit in Damaskus einen "Prozess" vorgespielt bekamen. Im Jahr 2005 hatte ich mit einigen Ingenieursstudenten ein Internetportal ins Leben gerufen, zunächst war das eher ein IT-Blog, dann haben wir ein Forum für politische Diskussionen eröffnet. Als wir eines Tages unseren ganzen Mut zusammenkratzten und eine Schweigeminute gegen die Repressionen durch das Assad-Regime vor dem Gebäude der Staatssicherheit organisierten, nahmen sie uns fest. Ein Militäroffizier und ein hoher Beamter im Innenministerium verurteilten mich binnen weniger Minuten zu fünf Jahren Haft. Einen Anwalt habe ich nie gesehen. Ich schätze, dass achtzig Prozent der Insassen in Saidnaja überhaupt kein Verfahren hatten, die wurden einfach in den Kerker geworfen, teilweise ohne jegliche Erklärung. Diese eklatante Ungerechtigkeit hat viele zermürbt und innerlich aufgefressen.

ZEIT: Sie kamen 2006 in eine Einzelzelle.

Serrih: Sie war einen Meter breit und 180 Zentimeter lang. Es gab kein Tageslicht, kein Fenster, keinen Strom, es roch nach Fäkalien und Blut. Mitten in der Zelle gab es ein Loch, das war die Toilette. Wegen des Gestanks bekam ich zunächst keine Luft. Fünf Jahre habe ich dort verbracht. Zunächst war ich alleine, nach eineinhalb Monaten habe ich einen Zellengenossen bekommen. Im Jahr 2011, nachdem die Revolution anfing, waren wir zu neunt: Wir haben uns abgewechselt, jede zweite Stunde durfte einer liegen, die anderen mussten an der Wand stehen. Kam einer der Wärter rein und fand einen von uns liegend auf dem Boden, wurde derjenige mit Tritten bestraft.

ZEIT: Wie haben Sie es geschafft, zu überleben und nicht verrückt zu werden?

Serrih: Deine Familie weiß nicht, wie es dir geht, die Außenwelt weiß nicht, wie es dir geht, irgendwann weißt du selbst nicht mehr, wie es dir geht. Ich habe manchmal daran gezweifelt, ob ich noch am Leben bin. Man verliert jeden Bezug zur Realität. Ich habe mir aber immer gesagt: Diab, du darfst hier nicht sterben! Du musst der Welt erzählen, was hier passiert. Wir haben uns in der Zelle gegenseitig bestärkt, uns Mut zugeflüstert. Reden war verboten. Gespräche endeten manchmal mit einer Exekution.

ZEIT: Wie ging es Ihnen körperlich?