Noch ist es leicht, ins Paradies zu kommen. Von Berlin aus sind es zwei Stunden und 20 Minuten im ICE bis zum gleichnamigen Bahnhof in Jena, von München aus drei Stunden und 50 Minuten. Ab Ende des Jahres allerdings werden die Züge über Erfurt rasen. Jena wird abrücken von den Metropolen.

Die Stadt hatte es in den vergangenen Jahren nicht einfach: mit der Bewerbung als Exzellenz-Uni gescheitert; der Fußballclub, der FC Carl Zeiss Jena, aus der zweiten in die vierte Liga abgestiegen; als Heimat des NSU-Terrors bundesweit bekannt geworden. Die Jenaer finden das ziemlich ungerecht. Es ärgert sie vermutlich auch, dass ihre Stadt in dieser Rubrik vorkommt. In Jena strandet man nicht, dort will man hin. Das denken zumindest die Jenaer. Sie sind ziemlich stolz auf ihre Stadt, auf das "München des Ostens", wo die Wirtschaft boomt, es eine aufstrebende Uni gibt und die Mieten für Ostverhältnisse astronomisch sind.

Bei genauer Betrachtung verbindet Jena mit dem 13-mal größeren München aber vor allem eines: Von der bayerischen Hauptstadt wird oft behauptet, sie sei ein Dorf, in Jena erreichen Sie tatsächlich alles Wichtige innerhalb von 15 Gehminuten.

Ganz oben wohnt der Luxus

Am besten laufen Sie vom Bahnhof Paradies zunächst die 450 Meter zum Theaterhaus. Auf den ersten Blick fällt auf, dass eine Kleinigkeit fehlt. Früher stand hier ein von Bauhaus-Gründer Walter Gropius entworfenes Theater. Aber vor 30 Jahren ließen die Jenaer einen großen Teil abreißen, träumten von einem Neubau. Der scheiterte am Geld. Übrig blieb ein leerer Platz mit einer Bühne. Typisch für Jena, eine Stadt, in der Selbst- und Fremdbild, Anspruch und Wirklichkeit oft weit auseinanderliegen. Eine Stadt, in der man groß träumt und grandios scheitert. Aber daraus speist sich ihr Charme. Denn das Theater ist mehr als eine Ruine: Im Sommer wird der Theaterplatz für sieben Wochen zur Open-Air-Arena. Selbst auf dem benachbarten Engelplatz sitzen bei Konzerten oft Hunderte Zuhörer.

Vom Theaterhaus aus können Sie den fast 150 Meter hohen JenTower kaum übersehen. In den siebziger Jahren sollte seine futuristische Architektur der Stadt ein sozialistisches Aussehen verleihen, das Optik-Kombinat Carl Zeiss wollte im Turm Spitzenforschung betreiben. Leider, erzählt man sich, hatte keiner bedacht, dass physikalische Messungen in schwankenden Hochhäusern schwierig sind. Heute sitzen hier Start-ups, in den oberen Etagen ein Luxushotel und ein Gourmetrestaurant. Der Turm steht wie das Theaterhaus für die liebenswürdigste Eigenschaft der Stadt: Man probiert, um zu scheitern und es wieder zu probieren.

Bei gutem Wetter könnten Sie jetzt die Aussichtsplattform auf dem JenTower besuchen und einen Blick auf die malerischen Berge um die Stadt und die nicht ganz so malerischen Plattenbauviertel werfen. Sie können natürlich aber auch gleich, vorbei am Campus der Universität, in die Wagnergasse einbiegen, in der sich auf 300 Metern Cafés und Kneipen drängen. Und hier haltmachen am Imbiss Fritz Mitte. Wahrscheinlich werden Sie jetzt eine ziemlich lange Schlange Menschen sehen. Aber das Warten lohnt sich: Es gibt hier die mit ziemlicher Sicherheit beste Currywurst südlich von Berlin.

Wenn Sie aufgegessen haben, laufen Sie weiter durch die Johannisstraße, die in die Altstadt führt. Auf der linken Seite sehen Sie das Haus "Zur Rosen". Früher, als Goethe, Schiller, Hegel und Fichte in der Stadt lebten, war in diesem Haus die Universitätsgaststätte. Heute sind dort ein Studentenclub, eine Mensa und ein Tagungszentrum. Sie müssen wissen, ein Fünftel der 108.000 Jenaer sind Studenten. Und nicht wenige von ihnen sind sehr stolz auf ihre Uni und deren 450-jährige Geschichte. Deswegen könnte es sein, dass einige von ihnen etwas zu häufig die Namen der großen Denker erwähnen, die hier einst wirkten.

Aber seien Sie bitte nachsichtig. Die Jenaer leben in ständiger Ambivalenz: Einerseits wohnen sie in einer schönen Stadt mit großer Geschichte und wirtschaftlichem Erfolg. Andererseits bleibt Jena eine etwas größere Kleinstadt, die bei ihren Bewohnern immer die latente Angst produziert, als provinziell angesehen zu werden.

Deswegen ist es für die Stadt auch so schmerzhaft, wenn der ICE nicht mehr im Paradies hält. Falls Ihnen ein Jenaer sein Leid klagen sollte, ein Tipp: Laden Sie ihn auf einen Kaffee am Marktplatz ein. Dort können Sie ihn am Hanfried-Denkmal daran erinnern, dass in Jena so vieles aus anfänglichem Scheitern entstanden ist. Hanfried alias Johann Friedrich I. von Sachsen hatte einen Krieg verloren, außerdem seine Länder, seine Kurwürde und seine Universität in Wittenberg. Dann kam er nach Jena und gründete die Universität.