Seine kleinen Hände verkrampfen sich ständig zu Fäusten, seine Wirbelsäule ist verkrümmt. Schon als Säugling bekommt Paul* die erste Physiotherapie. Später hat er Schwierigkeiten beim Laufen, Sprechen und Greifen. Die Ärzte diagnostizieren eine "zentrale Koordinationsstörung". Das heißt, sie verorten die Ursache für die vielfältigen Probleme in Pauls Hirn.

Dann fällt den Eltern noch etwas auf: Beim Spielen mit Bauklötzen oder beim Malen wechselt Paul ständig von der einen zur anderen Hand. Die meisten Kinder benutzen schon in den ersten Lebensjahren für Bewegungen, die Fingerspitzengefühl verlangen, nur noch eine Hand. Paul scheint diesen Entwicklungsschritt nicht zu gehen, das macht seinen Eltern Sorgen. Zwar gilt unklarer Handgebrauch in der Medizin nicht als Krankheit, von "pathologischer Händigkeit" sprechen Ärzte nur dann, wenn eine bleibende Schädigung des Gehirns den ständigen Handwechsel verursacht. Solche Fälle sind aber selten, bei Paul kann ein Neurologe diese Erkrankung ausschließen.

Dennoch sind sich die meisten Experten einig, dass es von Vorteil ist, die Händigkeit eines Kindes schon früh zu kennen: Schreiben lernt man zum Beispiel leichter mit der starken Hand. Benutzt ein Kind die schwache, führe das oft zu Frustration und Verzweiflung, sagt Ergotherapeutin Elke Kraus von der staatlichen Alice Salome Hochschule in Berlin. Ähnlich sieht es Stefan Gutwinski, Oberarzt an der Berliner Charité und Erstautor einer Studie zum aktuellen Forschungsstand auf dem Gebiet der Händigkeit: "Wenn wir die Händigkeit eines Kindes kennen, können wir es besser unterstützen und fördern." Paul ist fünf Jahre alt, als ihn sein Vater zu Johanna Sattler nach München bringt – in die Linkshänderberatung.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Um helfen zu können, muss die Psychologin bewerten, welche Hand bei dem kleinen Jungen den Vorrang hat. Kein leichter Job. Trotz jahrzehntelanger Forschung ist vieles an dem Phänomen noch immer ein Rätsel. Selbst auf die scheinbar einfache Frage, wie hoch der Anteil von Links- und Rechtshändern in der Bevölkerung ist, gibt es widersprüchliche Antworten. In ihrem Buch Laterality – Exploring the Enigma of Left-Handedness gibt die US-amerikanische Forscherin Clare Porac einen Überblick über die großen Händigkeitsstudien seit den 1920er Jahren.

Mittels Fragebogen untersuchten die Wissenschaftler damals die Verteilung von Links- und Rechtshändigkeit in Australien, USA, Kanada und England. Die Teilnehmer mussten bis zu 20 Fragen beantworten: Mit welcher Hand sie schreiben, wie sie einen Hammer halten, einen Apfel schälen oder sich die Zähne putzen. Das Besondere: Die Probanden konnten nicht nur mit "links" oder "rechts" antworten, sondern bis zu drei Zwischenstufen angeben: "Manchmal auch links", "Manchmal auch rechts" oder "Mit beiden Händen". Die Ergebnisse unterschieden sich von Studie zu Studie stark: Danach liegt der Anteil der reinen Rechtshänder zwischen 33 und 80 Prozent, der der reinen Linkshänder zwischen 5 und 20 Prozent. Und die Kategorie der Gemischthänder, also jener die je nach Tätigkeit mal die Rechte und mal die Linke benutzten, erreichte Anteile von 14 bis 62 Prozent.

Als Praktikerin muss Johanna Sattler dennoch eine klare Antwort geben. Vor 30 Jahren gründete sie in München die erste Linkshänderberatung Deutschlands. Die erste Beratungsstunde mit Paul liegt bereits 19 Jahre zurück, sein Fall war besonders schwierig. Sattler zeigt ein Video: Paul beugt sich über ein Blatt Papier. Vor ihm steht eine Schachtel, randvoll mit Buntstiften. Daneben Dosen mit Perlen, Streichhölzern, kleinen und großen Kreiseln, Bauklötzen, Wäscheklammern und Scheren. All diese Dinge benötigt Sattler für ihren gut zweistündigen Händigkeitstest. "Schauen Sie sich das an", sagt Sattler, "er malt mit der rechten Hand und dann, in der Mitte des Blattes angelangt, wechselt er den Stift zur linken. Er malt nicht über seine Körpermitte. Ein extremer Fall."

Einige Wissenschaftler halten die Unterteilung in Links- und Rechtshänder für irreführend. Stattdessen sprechen sie von "konsistenter und inkonsistenter Händigkeit". In einer kürzlich im Fachblatt Evolutionary Psychological Science erschienenen Studie teilen die Autoren die Menschheit in eindeutige Links- und Rechtshänder auf der einen und Gemischthänder auf der anderen Seite. 50 Prozent mit konsistenter versus 50 Prozent mit inkonsistenter Händigkeit – scheinbar eine runde Sache.

Untersuchungen im Kernspintomografen stützen die These: Bewegungen der linken Hand werden bei allen Menschen von der gegenüberliegenden rechten Gehirnhälfte gesteuert. Umgekehrt ist für die rechte Hand die linke Gehirnhälfte zuständig. Menschen mit konsistenter Händigkeit weisen im Scanner eine starke Asymmetrie im Gehirn auf. Gleich, ob Links- oder Rechtshänder, der Gehirnbereich, der die Muskeln der starken Hand aktiviert, ist größer, und die Nervenzellen darin sind besser vernetzt. Bei Menschen mit inkonsistenter Händigkeit ist das nicht der Fall: Hier ist die Asymmetrie der Gehirnhälften weniger stark ausgeprägt.

*Name von der Redaktion geändert