Die meisten kommen wegen der Wölfe in den Wildpark Eekholt bei Hamburg. Doch die eigentliche Attraktion steht neben dem Raubtiergehege. Dort, in einer kleinen Hütte, hängt der Smilomat. So heißt das Gerät, das Besucher für die Sprache der Wölfe sensibilisieren soll, die viel über Mimik kommunizieren. Ein Monitor fordert zum Test auf: "Wie eindeutig ist dein Mienenspiel?"

Zwei Mädchen versuchen es und blicken in die Kamera. Sofort analysiert der Smilomat ihre Gesichter. Auf dem Display erscheinen ihre Köpfe und die Worte "böse", "erstaunt", "glücklich" und "traurig". Balkendiagramme zeigen an, wie ausgeprägt ihre Emotionen dem Computer zufolge sind. Doch was hier am Wolfsgehege nur als harmloser Zeitvertreib dient, hat mit einer Analysetechnologie zu tun, die weit gefährlicher werden kann als die Raubtiere. Zumindest für die Privatsphäre.

Die Software hinter dem Smilomaten wurde entwickelt, um Menschen ins Herz zu blicken. Sie soll Emotionen erkennen und auf diese Weise beeinflussen, was Kunden kaufen. Denn Konsumentscheidungen hängen oft mehr vom Bauchgefühl ab als vom Verstand. Forscher vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen (IIS), die die Shore genannte Software entwickelt haben, geben das in einer Broschüre offen zu: "Shore kann sowohl im Einzelhandel als auch für digitale Werbeflächen eingesetzt werden und analysiert in Echtzeit das Kaufverhalten Ihrer Kunden", schwärmen sie. Dazu wertet die Software Bilder und Videos nach Geschlecht, Alter und Emotionen aus.

Affective Computing oder auch Emotional Decoding wird die künstliche Gefühlsanalyse auch genannt. Sie ist ein noch junges, aber stark wachsendes Geschäftsfeld. Bislang gibt es nur wenige aussagekräftige Untersuchungen, doch das Marktforschungsunternehmen MarketsandMarkets aus dem indischen Pune schätzt den globalen Markt dafür bis 2020 auf mehr als 42 Milliarden Dollar. Längst wetteifern Unternehmen darum, wer das Seelenleben von potenziellen Kunden wohl am besten analysiert und nutzbar macht. Die bekanntesten unter ihnen sind Affectiva, Realeyes und Emotient. Auch in Deutschland setzen einige Firmen bereits derartige Analysesoftware in ihren Läden ein – teilweise ohne Wissen der Kunden.

Mit dem System von Realeyes optimieren Werber ihre Reklamefilmchen. Adidas, Coca-Cola, Yahoo, AOL und Disney zählen zu den Kunden des britischen Unternehmens, das in der amerikanischen Universitätsstadt Cambridge nahe Boston eine Niederlassung betreibt. Ihr Leiter macht kein Geheimnis um die Möglichkeiten der Software. "Ich denke, wir haben da eine ziemlich mächtige Technologie", sagt Jed Hellstrom.

Er öffnet seinen Laptop und zeigt einen Werbespot der Fast-Food-Kette McDonald’s: An der Kasse bezahlen die Kunden mit Umarmungen, mit Küssen und einem Lächeln. Liebe statt Geld lautet die Botschaft des Spots, der 2015 während des Superbowl im US-Fernsehen lief. Anschließend fegte der Clip durch die sozialen Netzwerke. Er wurde 16 Millionen Mal angeschaut und mehr als 15.000-mal geteilt.

Um diesen Erfolg erklären zu können, analysierte Hellstrom das Video mit seinem Emotionsscanner. 179 Probanden schauten das Werbevideo auf ihren Computern. Über deren Webcams erfasste das System die Gesichter der Betrachter und sendete die Daten zu Realeyes. Dort entwarfen Algorithmen dreidimensionale Karten der Gesichter, werteten deren Mimik aus und ordneten sie sechs Hauptemotionen zu: Glück, Überraschung, Trauer, Ekel, Angst und Verwirrung. Die verglich das System mit einer Rangliste der Emotionen, die das Unternehmen auf Basis von 7.000 anderen Werbevideos erstellt hatte.

Nur Sekunden nach Ende des Films stand fest, warum der Clip von McDonald’s so erfolgreich war. Er konnte die Aufmerksamkeit der Zuschauer nicht nur wecken, sondern währen der ganzen Laufzeit halten. Außerdem aktivierte er bei der Mehrheit der Zuschauer Glücksgefühle. "Hohe Werte im Emotionsranking korrelieren fast immer mit starker Aktivität in sozialen Netzwerken", sagt Hellstrom.