Manche nehmen Drogen. Andere essen, trinken oder spielen zwanghaft. Ich muss etwas anderes gestehen: Ich bin süchtig nach Trump.

Kein Morgen, an dem ich nicht auf @realDonaldTrump nachlese, wen er gestern Nacht wieder beschimpft hat. (Viel ergiebiger als @POTUS, wenn Sie mich fragen.) Kein Tag, an dem ich nicht die New York Times in der fiebrigen Erwartung eines neuen Skandals aufschlage. Keine Konferenz und keine Dinnerkonversation, in der er nicht irgendwann auftaucht wie der Überraschungsgast, der auf keiner Party fehlen darf.

Ich bin mit meiner Obsession nicht allein. 41.000 Leser haben die New York Times in den Tagen nach der Wahl neu abonniert, 10,6 Millionen Menschen gucken die Trump-Parodien in Saturday Night Live (22 Prozent mehr als im Vorjahr), 24,8 Millionen Nutzer folgen ihm auf Twitter. Im Internet gibt es Foren für Trump-Süchtige.

Seien wir ehrlich: Wir würden uns längst nicht so für amerikanische Politik interessieren, hätte Hillary Clinton gewonnen. Klar, da ist die Sorge um die Demokratie. Doch mindestens ebenso groß ist die Faszination des Bösen. "Es ist halt diese Unfallsache. Wir gaffen zu gerne", schreibt ein User auf Twitter. Ein anderer: "Wenn es nicht so ernst wäre, würde ich sagen, es erinnert mich ans Dschungelcamp."

Ich verabscheue Trumps Politik, aber irgendwie bewundere ich auch seine Ruchlosigkeit. All die Regeln, die im Namen der Regierungskunst und der internationalen Kooperation erarbeitet wurden – gesprengt. Wer verbündet sich mit den Evangelikalen, Faschisten, Russen und bestreitet es? Wie werden die Geheimdienste entmachtet und die Ideologen nach oben katapultiert? Was macht Jared Kushners Bruder auf einer Frauendemo, und was ist da los bei Donald und Melania? Nie war Macht so nackt.

Seit Trump ist die politische Realität abgründiger und irrwitziger als jede Satiresendung. House of Cards ist nichts gegen die Show, die der amerikanische Präsident im und mit dem Weißen Haus abzieht. Während Politik früher – also vor fünf Monaten – kontrolliert und zivilisiert vor sich hinplätscherte, folgt sie nun einer Dramaturgie der permanenten Eskalation, deren Hauptfigur ein Bombenleger ist. Keine Episode will man verpassen. Dass Trumps Handeln reale Folgen für Milliarden von Menschen haben könnte (Zusammenbruch Mexikos, Ende der Nato, Krieg im Südchinesischen Meer, who knows), macht es umso gruseliger. Der Junkie sagt: Der Kick ist größer.

Trump, der mit der Castingshow The Apprentice berühmt wurde, kennt diese Dynamik nur zu gut. Man merkt es daran, wie er spricht, twittert, auf Fotos posiert. So wie Boulevardzeitungen Mafiosi Spitznamen verpassen, nennt er seine Gegner "fake news CNN" oder "crooked Hillary". So wie die Kardashians ihr Familienleben im Fernsehen ausgebreitet haben, klagt er auf Twitter über die angeblich gemeine Behandlung der "wirklich wundervollen Ivanka, die ihren Kopf immer noch hochhält". Alle seine Sätze sind kurz, alle Beispiele anschaulich. Der erste Präsident der Weltgeschichte, dessen Politik immer eine punchline hat.

Das neue Schlagwort lautet "Ende der Demokratie". Vielleicht lebt die aber auch gerade neu auf.

Seien wir ehrlich: Wir würden uns längst nicht so für US-Politik interessieren, hätte Hillary Clinton gewonnen

Seit die Trump-Horrorshow läuft, haben sich die Menschen verändert. Die einen wollen von ihm nichts wissen, sie posten unter #notapoliticalpost belangloses Zeug und wollen ihn verdrängen. Viele werden von ihrer Abscheu aber auch getrieben, etwas zu tun. Meine Facebook-Timeline läuft über von Beiträgen, in denen amerikanische Freunde die Nummern ihrer Kongressabgeordneten weitergeben und muslimische Freunde Videos vom Flughafen-Chaos posten. Auch die, die sich vorher nie für Politik interessiert haben, sind jetzt Experten für den Supreme Court und die "alternativen Fakten" von Trumps Beraterin Kellyanne Conway.

Lange war der Alltag nicht mehr so politisch wie heute. Demos sind wieder in, sogar Parteien. Es ist nun normal, dass man sich mit jemandem zum Kaffee verabredet und gefragt wird: "Und, wo engagierst du dich jetzt?" Wir wissen nun: Alles ist möglich, nichts selbstverständlich. Es mag einen verrückt machen, ständig mit diesem Gedanken konfrontiert zu sein: Aber lieber aufgepeitscht als abgestumpft.