Im großen Konferenzraum "Impact" des Wall Street Journal in New York ging es am Montagmittag dieser Woche um die Frage, die Redakteure und Chefredaktion seit Monaten auseinandertreibt: Wie sieht die angemessene Berichterstattung über Donald Trump aus? Kritisch und aggressiv, wie es viele Journalisten gerne sähen? Oder "fair und ausgewogen", wie es Gerald Baker, der Chefredakteur der einflussreichen konservativen Zeitung verlangt?

Was fair für Baker bedeutet, hatte er im Dezember in einem Kommentar in seiner eigenen Zeitung erklärt. Es bedeutet, dass man Präsident Trump nicht einen Lügner nennt. Denn wer das Wort Lüge in seinen Artikeln benutze, schrieb Baker, der behaupte nicht nur, dass etwas Falsches gesagt wurde, sondern vor allem, dass es wissentlich und mit der Intention zu täuschen gesagt wurde. Das war der zwischenzeitliche Höhepunkt einer Auseinandersetzung, die schon Mitte 2016 begonnen hatte und über die von den Redakteuren seit Monaten auf einem privaten E-Mail-Kanal kommentiert wird. Damals war der Leitartikel-Redakteur Mark Lasswell im Streit darüber, wie Trump im Blatt kommentiert wurde, in den unbezahlten Urlaub gegangen.

Lasswell war der Ton häufig zu freundlich. "Danach haben sich einige Redakteure an uns gewandt", sagt Tim Martell von der Journalistengewerkschaft IAPE. "Ihre Ressortleiter hatten Texte abgelehnt, weil sie ihnen zu Trump-kritisch waren." Im Januar schrieb Baker dann in einer internen E-Mail an die Reporter, jene sieben Länder, über die Donald Trump einen Einreisestopp verhängt hatte, solle man doch bitte nicht als "mehrheitlich muslimisch" bezeichnen, sondern als Länder, die schon von Barack Obama als problematisch definiert worden waren.

Deswegen wurde die Redaktionsversammlung an diesem Montag in New York einberufen. Und dort machte Baker seiner Belegschaft noch einmal deutlich, wie die Zukunft des Wall Street Journal im Umgang mit der Trump-Regierung aussehen solle: "Wenn Sie sich eine antagonistischere Berichterstattung wünschen, dann gibt es bessere Orte, an denen Sie das tun können", sagte Baker. Mark Lasswell, dem Leitartikel-Redakteur, war kurz vor seiner Rückkehr gekündigt worden.

Was diese Vorgänge so bedeutsam macht, ist die Rolle, die das Wall Street Journal in der amerikanischen Öffentlichkeit spielt.

Es gehört Rupert Murdoch, dem australischen Medienunternehmer, der in New York auch die Boulevardzeitung New York Post kontrolliert. Murdoch ist der Gründer der mächtigen News Corporation, aus der mittlerweile das gigantische Medienkonglomerat 21st Century Fox hervorgegangen ist. Dazu gehören unter anderem der konservative Kabelsender Fox News, die Filmstudios 20th Century Fox und die Sky-Senderfamilie. Im Jahr 2007 kaufte Murdoch auch das Wall Street Journal und versprach der Redaktion damals absolute Unabhängigkeit. Er baute die politische Berichterstattung der Zeitung aus, stellte Journalisten ein und machte die ehemals schwächelnde Zeitung mit ihrem nüchternen, schnörkellosen Stil wieder zu einer echten Alternative zur New York Times.

Die New York Times berichtete über den Klimawandel, das Wall Street Journal über die Welt der Unternehmen. Die Times stellte einen Gender-Reporter ein, das Journal einen Lokalreporter, der über den Nachbarstaat New Jersey schrieb. Die Times argumentierte auf ihrer Meinungsseite für eine linke, nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik, das Journal für eine wirtschaftsliberale, angebotsorientierte. Das Journal lieferte immer das Gegenargument, schaute auf das fehlende Stück des anderen Amerikas, das man in der New York Times nicht fand.

Beide Zeitungen waren sich jedoch einig in ihrer positiven Haltung zu offenen Märkten und offenen Grenzen. Und es gab unter den Konkurrenten auch keinen Dissens über die journalistische Verantwortung. In ihrer Kritik am Kandidaten Trump und an seinen Vorschlägen stimmten die Times und das Journal daher anfänglich überein. Bis Rupert Murdoch sich Mitte 2016 mit Donald Trump traf.

In dieser Zeit begannen die Konflikte zwischen den Redakteuren und der Chefredaktion. Auf der ersten Seite des Journal erschienen nun große, positive Porträts über Trump aus nächster Nähe, während die New York Times und die Washington Post große, investigative Stücke über Trump veröffentlichten.

Jared Kushner, Trumps Schwiegersohn, hatte das Treffen zwischen Trump und Murdoch eingefädelt, kurz darauf twitterte Murdoch unterstützende Worte für Trump. Murdoch und Kushner kennen sich seit Langem. Kushners Frau Ivanka, Trumps Tocher aus erster Ehe, hat bis Ende Dezember 2016 den 300 Millionen Dollar schweren Treuhandfonds von Murdochs Kindern mitverwaltet. Da fällt es schwer zu glauben, die Veränderung der Tonlage im Wall Street Journal habe nichts mit den Beziehungen zwischen Trump, Kushner und Murdoch zu tun.

Murdoch hat seine Medien schon häufig dafür eingesetzt, konservative politische Kandidaten zu unterstützen. Mit der New York Post hatte er einst schon für Ronald Reagan getrommelt. Während dessen Präsidentschaft erhielt Murdoch dann die Erlaubnis, den Kabelkanal Fox aufzubauen. Im Jahr 1994 schloss Murdochs News Corp. mit dem republikanischen Hardliner Newt Gingrich, damals Speaker, also Vorsitzender des Repräsentantenhauses, einen Buchvertrag für 4,5 Millionen Dollar ab. Das war just zu dem Zeitpunkt, als im Kongress ein Gesetz zur Abstimmung stand, das die staatlichen Regulierungen von Murdochs Medienunternehmen verringern sollte.