Wolfgang Eder hadert mit der Welt. Immer wieder setzt er die markante Brille ab, knubbelt sich die Augen. So, als ob er die jüngsten Ereignisse nochmals überdenken muss. Diesen Trump, der Strafzölle einführen und eine Mauer zu Mexiko bauen will. Diese EU, welche die Umweltbestimmungen für die Industrie immer weiter verschärft. Diesen Brexit. Hört man ihm eine Weile zu, merkt man: Der grau gewordene Mann zweifelt und zaudert immer häufiger.

Wolfgang Eder, 65 Jahre alt und Vorstandsvorsitzender der voestalpine AG, arbeitet seit fast vierzig Jahren für ein und denselben Konzern. Er hat den Fall der verstaatlichten Industrie überlebt, die Umstrukturierungen verfolgt und später den Aufstieg der globalisierten Produktion mitgestaltet. Den 1938 als Hermann-Göring-Werk gegründeten Stahlkonzern, der nach dem Zweiten Weltkrieg in das Eigentum der Zweiten Republik übernommen worden war, verwandelte Eder in das globales Hightech-Unternehmen voestalpine. Rund 21 700 Menschen arbeiten heute allein in Österreich für seinen Konzern, im Ausland sind es mehr als 23 000 – von Mexiko über Großbritannien bis nach China. Wie blickt Wolfgang Eder zurück – und wie nach vorn?

Frühstück mit Ausblick auf die alte Stahlwelt: Eisenerz und Koks glitzern in der Morgensonne und warten darauf, zu Stahl verarbeitet zu werden, die Hochöfen rauchen in der Ferne. Im Büroturm in Linz, wo Eder sein Berufsleben verbrachte, werden Croissants und Kaffee gereicht. Der Vorstandsvorsitzende, grüne Krawatte und müder Blick, verabschiedet den längstdienenden Arbeiter der voestalpine. Im Jahr 1971 ist der Vorstandsfahrer in Linz angetreten, heute geht er in Pension.

Eder denkt hingegen noch nicht ans Aufhören. 1952 geboren im 800-Seelen-Ort Steinbach am Attersee, bewarb er sich 1978 als frisch gebackener Jurist auf eine Stellenanzeige des Staatsunternehmens. "Es war reiner Zufall", sagt er, beim Sonntagskaffee habe ihn die Familie dazu überredet. Heute sitzt er immer noch in Linz, ist vom Mitarbeiter der Rechtsabteilung zum Generalsekretär und 2004 zum Konzernchef aufgestiegen, der im vergangenen Geschäftsjahr 2,53 Millionen Euro verdiente. Das ganze Leben bei einem Konzern? "Heute würde das wahrscheinlich nicht mehr so laufen", sagt Eder. Seine Frau, eine Gymnasiallehrerin in Linz, und die beiden Kinder hätten ihn davon abgehalten, in die Welt hinauszuziehen.

Es ist aber auch ein Stück weit die Geschichte des Unternehmens, die ihn in Linz hielt. Mitte der achtziger Jahre stand der frühere Vorzeige-Konzern, einst Symbol für den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes, kurz vor dem Bankrott, wegen missglückter Ölspekulationen, aber auch, weil er in der Regierungszeit von Bruno Kreisky als staatliche Beschäftigungsreserve missbraucht worden war. Die Voest erstickte am Filz der Funktionäre und Betriebsratskaiser, an politischen Fehlentscheidungen und an Missmanagement. Mittendrin: Wolfgang Eder. Damals habe er gelernt, wie man es nicht machen soll.

Am Ende dieses Jahrzehnts blieb dem Staat nur mehr die Wahl, das Unternehmen neu zu strukturieren. Binnen nur zweier Jahre musste in Linz mehr als die Hälfte der Mitarbeiter abgebaut werden. Die große Umwälzung erschütterte die Republik. Familienväter mussten Eigenheime verkaufen, die Ehefrauen von Voest-Mitarbeitern wurden auf der Straße beschimpft. Eder füllte Listen mit Namen und entschied mit, wer gehen muss. "Da lernen Sie Demut und Verständnis für menschliche Schicksale", sagt er heute. Es folgte die Privatisierung, der Börsengang 1995, den Eder koordinierte, und der Wiederaufstieg des Konzerns.

Eders fast schon paranoide Angst vor politischer Einflussnahme stamme aus jener Zeit der Verstaatlichung, sagt man ihm nach. Wer ihm Nähe zur SPÖ unterstellt, bekommt seinen Zorn zu spüren. Er pflege Kontakte zu allen wichtigen Ministern, und seit dem Wechsel im Bundeskanzleramt habe sich die Gesprächsbasis zu den Regierungsmitgliedern beider Parteien deutlich verbessert. Eder inszeniert sich gern als unabhängiger, polyglotter Manager. Politikern hat er es in Wahlkampfzeiten verboten, seine Arbeiter zu besuchen. Im Gegenzug teilt Eder aber gerne aus. Er gefällt sich als intellektueller Industrieller, als Kommentator und Lobbyist in Talkshows und Podiumsdiskussionen. Dann verteilt er üblicherweise Brüssel und Wien eine Abreibung.

In regelmäßigen Abständen hageln dann die Schlagzeilen: "Eder: Kaum Reformwillen in Österreich!", oder "Notfalls Standorte schließen!", ist dann zu lesen. Der Tenor ist immer ähnlich: Die Rahmenbedingungen für die Industrie seien katastrophal, in Österreich glaube man, dass man allein von Schuhplatteln, Jodeln und gegenseitigem Haareschneiden leben könne.